Diese Website setzt Cookies ein. Für die Nutzungsanalyse wird die Software Piwik verwendet.
Wenn Sie der Nutzungsanalyse widersprechen oder mehr über Cookies erfahren möchten, klicken Sie bitte auf die Informationen zum Datenschutz.

Historische Drucke

Personale Gelegenheitsschriften

Neben freudigen Ereignissen wie Taufen, Geburtstagen, Hochzeiten und Promotionen steht der Tod als prominentester Anlass und Gegenstand des personalen Gelegenheitsschrifttums. Besondere Bedeutung für den deutschen Sprachraum gewann im Zeitraum von ca. 1550-1750 die gedruckte Leichenpredigt. Diese originäre Schöpfung des lutherischen Protestantismus verbreitete sich bald über den mitteldeutschen Raum hinaus in die übrigen evangelischen Gebiete und wurde auch von Zwinglianern und Calvinisten aufgegriffen. Die Existenz einer durchaus beachtlichen Anzahl katholischer Leichenpredigten ist erst in den letzten Jahren stärker ins Bewusstsein gerückt.

Zur eigentlichen Predigt treten seit dem 17. Jahrhundert weitere selbständige Elemente hinzu: so z.B. die der Biographie der Verstorbenen gewidmeten Personalia, die Abdankungs- und Standrede sowie die Epicedien, die Trauergedichte der Verwandten und Freunde. Der anfangs geringe Umfang von 10-20 Seiten erweitert sich auf 100-200 Seiten, neben das zunächst übliche Oktav-Format treten seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Drucke in Quart, Folio und sogar Großfolio. Gleichzeitig findet sich kostspieliger Buchschmuck wie Portraits der Verstorbenen, Wappendarstellungen, Ahnentafeln, Notenbeigaben etc.

Für die moderne Forschung bieten diese laudativ, admonitiv und konsolatorisch intendierten Gebrauchsschriften ein unter vielfältigen Aspekten nutzbares Quellenreservoir. Neben ihrer Bedeutung für Literaturgeschichte und Predigtforschung bieten die Leichenpredigten dem Sozial-, Kultur- und Universitätshistoriker eine Fülle statistisch auswertbarer Daten, dem Kunsthistoriker und Heraldiker reiches Material zur Ikonographie und Emblematik, dem Musikwissenschaftler eine ganze Reihe von nur hier überlieferten Trauerkompositionen; die teilweise sogar mit Abbildungen versehenen Krankheitsberichte schließlich liefern dem Medizinhistoriker wertvolle Informationen. Darüber hinaus aber stellen die Personalschriften ein einzigartiges prosopographisches Nachweisinstrument für Genealogie und Biographik dar - eine Qualität, die bereits im frühen 20. Jahrhundert ihre besondere Wertschätzung begründete.

Personalschriftenbestand der Staatsbibliothek:
Im historischen Druckschriftenbestand der Staatsbibliothek zu Berlin befinden sich heute ca. 20.000 Personalschriften - hauptsächlich Funeralschriften, aber auch Hochzeitspredigten, Glückwunschgedichte und anderes Gelegenheitsschrifttum. Glücklicherweise sind in diesem Bereich nur geringe Bestandslücken durch Kriegseinwirkungen entstanden. Lediglich die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel verfügt mit dem Depositum der Stolberger Leichenpredigten-Sammlung (knapp 25.000 Drucke), ergänzt durch über 13.000 Leichenschriften aus dem eigenen Bestand, über eine umfangreichere Sammlung.
Die chronologische Struktur des Personalschriftenbestandes spiegelt deutlich die Blütezeit der Leichenpredigten wider: ca. 700 Drucke des 16. Jahrhunderts stehen ca. 13.000 Drucken des 17. Jahrhunderts gegenüber; aus dem 18. Jahrhundert stammen noch ca. 3.000 Schriften, aus der Zeit von 1800-1927 nur noch etwa 220 meist säkulare Grabreden. Auch die regionale Verteilung entspricht den Schwerpunkten der protestantischen Leichenpredigt: der mitteldeutsche Raum, Niedersachsen und Brandenburg-Preußen sind besonders stark vertreten.

Erwerbungen 1930-1945:
Da man die große Bedeutung der Personalschriften für die Familienkunde erkannt hatte, bemühte sich die Staatsbibliothek in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv um die Erweiterung dieses Bestandes. Neben dem durch das Antiquariat J. A. Stargardt (Berlin) vermittelten Ankauf einer 2.600 Drucke umfassenden Leichenpredigtensammlung (Signatur Ee 705) und der Erwerbung von über 300 Leichenpredigten aus der Bibliothek des Börries Freiherrn von Münchhausen auf Windischleuba (bei Altenburg/Thüringen) im Jahre 1936 (Signatur Ee 708) verdienen v.a. die Wernigeroder und die Bückeburger Sammlung Erwähnung.

Sammlung Stolberg-Wernigerode (Signatur Ee 700)
Nachdem sich die Verhandlungen des Preußischen Staates über den Ankauf der gesamten Fürstlich Stolbergischen Bibliothek zu Wernigerode zerschlagen hatten, konnte die Staatsbibliothek mit Unterstützung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft im Jahre 1933 die in Wernigerode unter der Signatur Hm zusammengefasste Leichenpredigtensammlung für 10.000 Reichsmark ankaufen. Den Grundstock dieser Sammlung, die in 4.864 Bänden 6.817 Einzeldrucke enthielt, bildeten Dubletten aus der Fürstlich Stolberg-Stolbergischen Bibliothek.

Sammlung Bückeburg (Signatur Ee 710)
Nach Schließung der Fürstlich Schaumburg-Lippischen Hofbibliothek zu Bückeburg gelangten in den dreißiger Jahren Teile des Bestandes zum Verkauf, wovon die Staatsbibliothek im Jahre 1939 die ca. 5.000 Einzeldrucke umfassende Leichenpredigtensammlung erwerben konnte.

Ein bedeutender Teil dieser Sammlung (mindestens 500 Predigten) stammt ursprünglich aus der Bibliothek des Mindener Pfarrers Anton Gottfried Schlichthaber (1699-1758), der jeweils gewissenhaft datierte Besitzvermerke hinterließ.
Erschließung

Der ganz überwiegende Teil der Personalschriften findet sich im Alten Realkatalog bei den Leichenpredigten (Signaturenbereich Ee), über den ein chronologischer Zugriff nach Sterbejahren der Bepredigten möglich ist.
Die Personalschriften zu Mitgliedern regierender Familien wurden jedoch vor den großen Erwerbungen der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts der Geschichte der Länder zugeordnet Geschichte … Länderkataloge
Glückwunsch- und Trauergedichte schließlich stehen häufig an den der Lyrik gewidmeten Systemstellen der jeweiligen Literaturkataloge (neulateinisch: Signaturenbereich Xc; deutsch: Signaturenbereich Yf und Yi).

16. Jahrhundert
Den vollständigsten Nachweis der Personalschriften des 16. Jahrhunderts bietet der Short Title Catalogue der Drucke des 16. Jahrhunderts im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (ST16) (Signaturenbereich Ee vollständig, R-T und X-Y im Aufbau)

17. Jahrhundert
Den vollständigsten Nachweis der Personalschriften des 17. Jahrhunderts bietet das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (VD17) (bis auf wenige Ausnahmen vollständig)

18.-20. Jahrhundert
Hier muss derzeit noch auf die konventionellen Kataloge zurückgegriffen werden:
Der Alphabetische Katalog (Mikrofiche AK I) weist die Sammlungen Stolberg-Wernigerode und Bückeburg nicht nach. Den vollständigsten Nachweis bietet deshalb der chronologische Index des Alten Realkatalogs (nach Sterbejahren der Bepredigten).

Da die Titel der Sammlung Bückeburg hier eventuell unvollständig eingetragen sind, empfiehlt sich zusätzlich die Benutzung des in zwei Abteilungen nach Predigern und nach Verstorbenen geordneten Bandkatalogs der Sammlung Bückeburg (Benutzung über den Allgemeinen Lesesaal im Haus Unter den Linden).

Sehr wertvoll ist hier (v.a. wenn Sterbejahre nicht bekannt sind) der 1928 begonnene, aufgrund der Kriegsereignisse leider unvollständig gebliebene Personalschriftenkatalog der Staatsbibliothek, der in 59 Kapseln ca. 20.000 Einzelschriften nach dem Alphabet der Verstorbenen/Gefeierten verzeichnet und zusätzlich ein Register der Prediger/Verfasser bietet (Benutzung über das Informationszentrum der Abteilung Historische Drucke im Haus Unter den Linden).
Literatur

Bibliographie der Forschungsstelle für Personalschriften zur Leichenpredigten-Literatur

Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) der Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg

Katalog der Leichenpredigten der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel

Katalog der Historischen Personalschriften in der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern

Personal- und Gelegenheitsschriften zur Kulturgeschichte Thüringens

Arnswaldt, Werner Konstantin von:
Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung / Werner Konstantin von Arnswaldt. - Bd.1-4. - Leipzig : Degener, 1927-1935
(Bibliothek familiengeschichtlicher Quellen ; 2)

Nachgewiesen in

StaBiKat
SBB16 - Drucke des 16. Jahrhunderts im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin
VD 17 - Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienen Drucke des 17. Jahrhunderts

Benutzung

Abteilung Historische Drucke / Rara-Lesesaal

 

Kontakt

Abteilung Historische Drucke
Michaela Scheibe

Mehr zum Thema