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Musik

Die Schubert-Autographen der Staatsbibliothek zu Berlin im Portal „Schubert online“

Franz Schubert. Lithographie von Josef Eduard Teltscher, 1829 (Mus.P. Schubert, F. I,17)
Franz Schubert. Lithographie von Josef Eduard Teltscher, 1829 (Mus.P. Schubert, F. I,17)

Franz Schubert (1797-1828) gehörte, wie das von Otto Erich Deutsch zusammengestellte Werkverzeichnis mit über 950 Nummern eindrucksvoll belegt, zu den produktivsten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Einen besonderen Rang innerhalb dieses umfangreichen Oeuvres nimmt dabei das klavierbegleitete Sololied ein, für dessen Etablierung im Kanon der romantischen Kunstmusik Schubert einen wesentlichen Beitrag geleistet hat.

Als Franz Schubert im November 1828 im Alter von nur 31 Jahren verstarb, ging sein kompositorischer Nachlass zunächst an seinen älteren Bruder Ferdinand (1794-1859) über. Dieser sichtete und ordnete die Manuskripte, wobei er als eine Art Echtheitsbezeugung vielfach eine Paraphe "Schmp" ("mp" für "manu propria") vermerkte. Schon bald darauf verkaufte Ferdinand Schubert dann größere Teile des Nachlasses an verschiedene Wiener Verleger wie Tobias Haslinger, Joseph Czerny und insbesondere Anton Diabelli, der 1830 in einer Wiener Zeitung annoncierte, dass er "den gesammten Nachlass" Schuberts erworben habe. Tatsächlich hat Ferdinand Schubert aber auch damals nur einen Teil der Autographen seines Bruders veräußert, während er andere Quellen zunächst behielt und erst später an verschiedene Sammler verkaufte.

Franz Schubert: Erlkönig D 328. Autographe Reinschrift im Liederheft für Johann Wolfgang von Goethe (Mus.ms.autogr. Schubert, F. 1, S. 25)
Franz Schubert: Erlkönig D 328. Autographe Reinschrift im Liederheft für Johann Wolfgang von Goethe (Mus.ms.autogr. Schubert, F. 1, S. 25)

Die umfangreichste Sammlung von Schubert-Autographen befindet sich heute in der Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus, die fast 350 Originalmanuskripte ihr Eigen nennt; daneben besitzt auch die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien eine große Zahl an Eigenschriften des Komponisten. Demgegenüber nehmen sich die rund 60 Schubert-Autographe (mit etwa 125 überlieferten Werken) in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin zahlenmäßig eher bescheiden aus. Gleichwohl umfasst auch diese Sammlung zentrale Quellen wie ein Heft mit 16 Goethe-Liedern in Reinschrift, das Schubert im Jahr 1816 an den Dichterfürsten sandte (und das dieser kommentarlos zurückgeschickt hat), das Autograph der Messe Es-Dur D 950 aus Schuberts letztem Lebensjahr 1828 und eine der beiden "Ouvertüren im italienischen Stil" D 591 (das einst ebenfalls in Berlin verwahrte Autograph der Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485 befindet sich infolge kriegsbedingter Verlagerungen seit 1945 in Verwahrung der Biblioteka Jagiellonska in Krakau / Polen). Ferner liegen bei etlichen Liedern, die in mehreren Fassungen überliefert sind, sowohl in Wien als auch in Berlin Manuskripte vor.

Angesichts des vielfach komplementären Verhältnisses der Wiener und Berliner Bestände beteiligt sich die Staatsbibliothek zu Berlin an dem Portal Schubert online, das bereits seit einigen Jahren die Wiener Quellen online zugänglich macht und durch die Beteiligung der SBB und weiterer Bibliotheken nach und nach zu einem zentralen Anlaufpunkt für das virtuelle Studium der Eigenschriften Franz Schuberts ausgebaut werden soll. Hierzu wurden in den Jahren 2014 und 2015 nach und nach sämtliche in Berlin vorhandene Autographe Schuberts in der Datenbank RISM / Kallisto wissenschaftlich erschlossen, über den RISM-OPAC recherchierbar gemacht und digitalisiert, wobei die Digitalisate nicht nur im Portal "Schubert online", sondern parallel auch in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin zugänglich gemacht werden.

Provenienz und Bestandsgeschichte der Berliner Autographe

Ferdinand Schubert: Verzeichnis der an Ludwig Landsberg übergebenen Autographe Franz Schuberts, Herbst 1843 (Mus.ms. 20285, S. 1)
Ferdinand Schubert: Verzeichnis der an Ludwig Landsberg übergebenen Autographe Franz Schuberts, Herbst 1843 (Mus.ms. 20285, S. 1)

Im Zuge der Neuerschließung der Manuskripte wurde der Provenienz, die in den bisherigen Katalognachweisen nur unvollständig und dabei zum Teil auch falsch dokumentiert war, besonderes Augenmerk gewidmet. Demnach hat die Berliner Bibliothek ihre Schubert-Sammlung ganz wesentlich drei Erwerbungen zu verdanken. Die erste größere Gruppe von Schubert-Autographen gelangte 1862 zusammen mit der Musikaliensammlung des in Rom ansässigen Musikers und Sammlers Ludwig Landsberg nach Berlin. Landsberg hatte diese Quellen im September 1843 von Ferdinand Schubert erworben, was durch eine eigenhändige Auflistung Ferdinand Schuberts dokumentiert ist, die er auf der freien Seite einer von ihm angefertigten Liedabschrift notierte. Als zweite wichtige Erwerbung ist ein Sammelband mit 18 Autographen zu verzeichnen, den der Anatom und Mäzen Richard Wagener im Jahr 1874 der Bibliothek schenkte. Woher Wagener diese Quellen bezogen hatte, ist heute nicht mehr mit Sicherheit zu eruieren; da indes einige der Quellen offensichtlich als Stichvorlagen für frühe Ausgaben der Wiener Verlage Haslinger und Diabelli verwendet wurden, liegt die Vermutung nahe, dass Wagener seine Schubertiana insgesamt primär aus Wiener Verlagsarchiven erwarb. Aus ähnlicher Quelle stammten auch fünf weitere Schubert-Autographen, die 1901 mit dem Archiv des Wiener Verlags Artaria erworben wurden. Daneben gelangen bis ins spätere 20. Jahrhundert immer wieder Einzelerwerbungen auf dem Antiquariatsmarkt und aus Privathand.

Wie aus dem gedruckten Katalog der Sammlung Ludwig Landsbergs hervorgeht, umfasste diese neben dem Liederheft für Goethe und der Es-Dur-Messe auch zwei Sammelbände oder Konvolute, in denen jeweils etliche Autographe geringen Umfangs aus ganz unterschiedlichen Entstehungszeiten und -zusammenhängen zu größeren Einheiten zusammengefasst waren. In der Berliner Bibliothek wurde diese Zusammenstellung dann offenbar dahingehend geändert, dass der Großteil der Landsberg'schen Liedautographe an das Goethe-Liederheft angebunden wurden, wohingegen diejenigen Manuskripte, die deutlich abweichendes Format aufweisen, zu zwei neuen Sammelbänden oder Konvoluten vereinigt wurden. Irgendwann nach 1874 erhielten diese Konvolute die Signaturen "[Mus.ms.] Autogr. Schubert 1, 3 und 4, während der von Richard Wagener geschenkte Sammelband als "Autogr. Schubert 2" einsortiert wurde.

Im Vorfeld des Schubert-Jahres 1928 wurde dann beschlossen, diese Sammelbände wieder aufzulösen und die in ihnen enthaltenen Quellen separat zu heften und zu signieren. Im Falle des Sammelbandes 1 verblieb das Goethe-Liederheft auf seiner angestammten Signatur, während die nach 1874 angefügten Liedmanuskripte nun neue, eigene Signaturen erhielten. Bei den einstigen Sammelbänden 2, 3 und 4 hingegen wurden aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen sämtliche Quellen mit neuen Signaturen belegt, so dass die heutigen Signaturen "Mus.ms.autogr. Schubert, F. 2 / 3 / 4" nicht identisch sind mit dem jeweils ersten Werk der alten Sammelbände, sondern ursprünglich ganz andere Signaturen hatten. Um eine Rekonstruktion der 1928 aufgelösten Sammelbände zu ermöglichen, wurden bei der Neukatalogisierung die alten Signaturen der betreffenden Quellen mit dem Zusatz "[alt]" und der nachgestellten Angabe der Position innerhalb des einstigen Sammelbandes erfasst (z.B. "Mus.ms.autogr. Schubert, F. 2 [alt] (3 in:)"). Die einstigen Zusammenhänge spiegeln sich im Übrigen bei den meisten Manuskripten auch in alten Bleistiftfoliierungen wider, die im Zuge der Neukatalogisierung durch neue, eigene Paginierungen ergänzt wurden.

Literatur

  • Johannes Wolf: "Die Schuberthandschriften der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin", in: Bericht über den Internationalen Kongress für Schubertforschung, Wien 25. bis 29. November 1928, Augsburg 1929, S. 147-154. [mit Darstellung der Bestandsgeschichte]
  • Robert Lachmann: "Die Schubertautographen der Staatsbibliothek zu Berlin", in: Zeitschrift für Musikwissenschaft 11 (1928), S. 109-119. [gedruckter Katalog der Quellen]