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Musik

Der Nachlass von Siegfried Wilhelm Dehn

Porträt von Siegfried Wilhelm Dehn um 1840
Bild zeigt Porträt von Siegfried Wilhelm Dehn um 1840

Siegfried Wilhelm Dehn (24.2.1799 in Altona - 12.4.1858 in Berlin) ist der Gründungsvater der heutigen Musikabteilung. Es war ein Glücksfall, dass der Bibliothekar, Musiktheoretiker und Quellenphilologe 1842 auf Empfehlung von Alexander von Humboldt und Giacomo Meyerbeer für Berlin gewonnen werden konnte. Als Kustos der Musikabteilung veranlasste er die Erwerbung und Eingliederung wertvoller Nachlasskonvolute (z.B. Handschriften von Ludwig von Beethoven, E. T. A. Hoffmann oder Otto Nicolai, die Bach-Sammlung von Georg Poelchau) und die Katalogisierung der Bestände in einem Zentralkatalog. Dieser Gedanke, die Nachweise der Bestände in seiner Gesamtheit zu bündeln, war damals modern und ist letztendlich in den Onlinekatalogen der Bibliotheken und virtuellen Fachbibliotheken der unterschiedlichsten Disziplinen bis heute aktuell.

Schon vor seiner Anstellung an der Königlichen Bibliothek hatte Dehn in ganz Europa ausführliche Reisen unternommen, auf denen er Musikhandschriften ankaufte oder Abschriften erstellte. Als anerkannter Quellenphilologe wurde der Bibliothekar auch international oft als Gutachter herangezogen. Zugleich entfaltete er aus dem Geiste des Cäcilianismus eine lebhafte Herausgebertätigkeit, bei der er sich auf die Werke Orlando di Lassos und Johann Sebastian Bachs konzentrierte. Er fungierte 1842 bis 1848 als Herausgeber der Zeitschrift „Cäcilia“ und wurde ein Jahr später Professor an der Berliner Akademie der Künste. Peter Cornelius, Friedrich Kiel, Theodor Kullak und Anton Rubinstein waren seine Schüler in Musiktheorie. Von Siegfried Dehn am nachhaltigsten geprägt wurde wohl Michael Ivanovič Glinka, der durch den Unterricht Einblicke in die westeuropäische Vokalpolyphonie der Renaissance erlangte und in seinen Kompositionen bestrebt war, sie mit der alten Tradition des russischen A-cappella-Gesangs zu verbinden. Mit seiner 1840 erschienenen „Theoretisch-praktischen Harmonielehre“ war Dehn über die Grenzen Deutschlands bekannt geworden. Auch Michael Glinka hat nach dieser Schule gelernt. Das Kompendium ist mehr als eine Harmonielehre und stellt auch einen Überblick über die Entwicklung der Musikgeschichte dar. So beginnt Dehn seinen historischen Abriss mit der Beschreibung von Mensuralnotation und kommt auch auf die Werte der Neumen und Ligaturen zu sprechen. Wie wenig später Heinrich Bellermann war er damit einer der ersten Forscher, die sich mit der Übertragung von Neumen in unsere heutige Notenschrift auseinandergesetzt haben.

Der Nachlass (Mus.Nachl. S.W. Dehn) enthält Geschäftsdokumente Dehns und seines Nachfolgers Franz Espagne sowie ein Benutzerhandbuch der Jahre 1843-1880, in dem sich auch bekanntere Leser wie Mendelssohn oder Meyerbeer verewigt haben. Erst 1959 wurde dieser Nachlass durch einen zweiten Teil ergänzt (N.Mus.Nachl. 2), der neben Briefen an Dehn vor allem wegen seiner Musikhandschriften und wissenschaftlichen Abhandlungen mit dem alten Bestand korrespondiert. Der gesamte Nachlass zeichnet nicht nur das Bild eines umtriebigen Sammlers und kontaktfreudigen Forschers, sondern dokumentiert auch, dass die Gründung der Musikabteilung an der Königlichen Bibliothek in die Zeit eines neuen Geschichtsbewusstseins fällt, der Geburtsstunde der Musikwissenschaft.