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Der Architekturwettbewerb 1999/2000

Nach der Verabschiedung der Konzeption Eine Bibliothek in zwei Häusern durch den Stiftungsrat Preußischer Kulturbesitz im Jahr 1998 wurde ein Raumprogramm für das Haus Unter den Linden aufgestellt, darin der  Platzbedarf für die einzelnen Funktionsbereiche beschrieben.

Dem Raumprogramm sowie einer Vielzahl architektonischer, technischer und organisatorischer Anforderungen an das künftige Bibliotheksgebäude sollten die am Wettbewerb teilnehmenden Architekturbüros mit ihren Lösungen begegnen. Zu finden war eine Architektursprache, die dem Bauwerk und der Bibliothek von internationalem Rang gerecht wird.

Dem Wettbewerb war ein formalisiertes Bewerbungsverfahren vorgeschaltet, in welchem die Bewerber mit geplanten oder ausgeführten Projekten aus dem Bereich Bibliotheksbau, Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz und Bauen bei laufendem Betrieb ihre Fachkunde, Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit gegenüber dem Auswahlgremium nachwiesen. Aus 146 Bewerbungen (75 aus Berlin, 46 aus Deutschland, 17 aus Europa) wurden 15 Bewerber ausgewählt.

Unter diesen 15 Bewerbern lobte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im November 1999 einen beschränkten Realisierungswettbewerb (Einladungswettbewerb) aus, 14 Entwürfe wurden einreichten. Am 2. März 2000 trat das Preisgericht unter dem Vorsitz von Prof. Klaus Kumpert, freier Architekt in Freiburg im Breisgau, zusammen.

Die Aufgabe im Wettbewerb

Die Aufgabe im Wettbewerb

... untergliederte sich in zwei Teile:

  1. Grundinstandsetzung des Altbaus,

  2. Neubau eines zentralen Lesesaals mit 250 Leseplätzen und angrenzendem Freihandmagazin sowie eines Lesesaals für Rara und besonders wertvolle Druckschriften, Neubau von Tresormagazinen für die Kostbarkeiten der Sonderabteilungen sowie eines Publikumsbereichs mit Ausstellungs- und Verkaufsflächen.

 

Bei der Bearbeitung dieser Teilaufgaben war darauf zu achten, dass

  • der Neubau und der Altbau funktionsgerecht und mit entsprechenden Wegen verbunden,
  • die Auflagen des Denkmalschutzes berücksichtigt und
  • die Eingangsrotunde auf der Nordseite sowie einige erhaltene bauliche Fragmente in den Neubau eingebunden werden sowie
  • die monumentale Achse, die das Gebäude vom Haupteingang durchzieht, wieder hergestellt wird.

Mit Blick auf die Modernität und Serviceorientierung der Ausstattung waren Lösungen zu entwickeln für

  • den Anschluss aller Leseplätze an das IT-Netz,
  • die Schaffung einer technisch-organisatorischen Infrastruktur, die die Bibliothek in die Lage versetzt, ihren Service auf dem von den Benutzern und Besuchern erwarteten Niveau anzubieten,
  • die Einbindung eines Buchtransportsystems, das alle Magazine und Lesesäle sowie Buchausgabestellen miteinander verbindet,
  • die Errichtung eines modernen Sicherheitssystems (Brandschutz, Diebstahlsicherung).

 

Beurteilungskriterien im Wettbewerb

Die 14 eingereichten Entwürfe wurden nach folgenden Kriterien begutachtet:

  • Entwurfsidee, architektonische Ausformulierung, gestalterische und räumliche Qualitäten,
  • Erfüllung des Raumprogramms, Erfüllung der funktionalen Vorgaben (Sicherheitskonzept),
  • Erfüllung der bibliothekarischen Anforderungen,
  • Erschließung und Anbindung an den Altbau,
  • Denkmalpflegerische Aspekte,
  • Wirtschaftlichkeit (Bauwerkskosten, konstruktiver Aufwand).

Erster Preis

Erster Preis

Prof. Dipl. Ing. HG Merz, freier Architekt, Berlin

Mitarbeiter: Sebastian Reinhardt, Constanze Altemüller, Markus Betz, Anna Bade, Guido Graul, Uwe Wurster, Christoph Eberhardt

Fachberater: IGB, Berlin (Tragwerksplanung); Transsolar Energietechnik, Stuttgart; Institut für Tageslichttechnik Kölzow, Stuttgart; Uwe Tietze Landschaftsarchitektur, Berlin; L2M3, Stuttgart (Graphik)

 

Der Entwurf von HG Merz sieht, in Erinnerung der einstigen Kuppel, einen gläsernen Glaskörper mit zurückhaltendem städtebaulichem Akzent vor. Die Glasarchitektur tritt in einen Dialog mit dem neobarocken Bau der Kaiserzeit und relativiert, wie schon Paul Scheerbart, der geistige Vater aller Glasarchitekturen, 1914 bemerkte, dessen Monumentalität.Zwei Punkte sind für Merz verbindlich: Zum einen die überlieferte Raumstruktur und deren Rhythmus, die aber weiterentwickelt werden. So liegt der Hauptlesesaal etwa an der Stelle des alten Lesesaals, der Rara-Lesesaal, ein wenig schmaler dimensioniert, quer gelagert an der Stelle des alten Universitätslesesaales.Zum anderen greift Merz die das Gebäude durchziehende Achse auf; sie wird verlängert und führt vom 1. Obergeschoss über eine weitere Treppe in den angehobenen Lesesaal und erfährt dadurch eine entscheidene Dramatisierung. Aus der steinernen Masse des Altbaus, eingestimmt durch den Wechsel von hellen (Ehrenhof) und dunklen Räumen (Treppenhaus), erreicht der Leser den lichten und weiten Lesesaal. Gleichzeitig wird die Achse noch weiter nach Norden verlängert, indem sie vom 1. Obergeschoss nunmehr über eine abwärts führende Treppe den im Erdgeschoss liegenden Rara-Lesesaal anbindet und somit die ursprüngliche Idee, das gesamte Gebäude von Süd nach Nord zu durchqueren, realisiert.

Merz differenziert die funktionale Struktur der Bibliothek durch verschiedene Materialien: Stein für Magazine, Holz für die Bücherregale und das fast immaterielle Glas für die Begrenzung des Lesesaals.

Im Sockel ist zusätzlich der Ausstellungsbereich im Erdgeschoss angeordnet. Das 1. Obergeschoss wird von der Information und der Buchausgabe eingenommen; darüber hinaus ist dieser Raum Verteiler zum höher gelegenen Lesesaal bzw. zum tiefer gelegenen Rara-Lesesaal. Der Hauptlesesaal wird von der dreigeschossigen Bücherwand umgeben, die den Freihandbestand aufnimmt und durch zwei rechtwinklig zur Achse stehende Treppen erschlossen wird. Ergänzt wird dieser Bestand durch die in zweiter Reihe stehenden Buchregale sowie das gesonderte Freihandmagazin. Darüber wird der Lesesaal von weiteren Galerie-Ebenen umgeben: Auf zwei Etagen liegen die Forscherleseplätze, die letzte nimmt die Einzelarbeitsplätze auf. Sie befinden sich bereits zwischen den inneren und äußeren Glasflächen.

Aus konservatorischen Gründen ist der Rara-Lesesaal sehr dunkel gehalten. Der Hauptlesesaal dagegen ist, zumindest in den höheren Sphären von Licht durchflutet. Während die Umgebung der allgemeinen Leseplätze im Lesesaal noch von der Bücherwand geprägt ist, sind die darüber liegenden Etagen mit den Forscherlesesplätzen bereits zwischen Bücherwand und Glashülle angeordnet; die Einzelarbeitsplätze schließlich liegen im Glasmantel und sind nur noch von Licht umgeben. So ist das Licht das Abbild des geistigen Emporsteigens durch das Studium, durch die Lektüre; Merz hat geradezu wörtlich die klassische Aufklärung, architektonisch umgesetzt.

Trotz allem Respekt, den HG Merz dem Altbau entgegenbringt, werden die historischen Kuppelpfeiler abgetragen und die Rosette verschwindet zwischen den Bücherregalen des Freihandmagazins. Einzig die ehemalige Wandgliederung des Universitätslesesaales wird in den Rara-Lesesaal integriert.

Zweiter Preis

Zweiter Preis

Zweiter Preis für Müller/Reimann
Zweiter Preis Müller/Reimann

Thomas Müller, Ivan Reimann, Architekten, Berlin

Mitarbeiter: Nicolas Winkelmair, Torsten Glasenapp, Jana Zvolska

Fachberater: GSE Ingenieur-Gesellschaft mbH, Berlin (Tragwerksplanung); Arnstein & Walter, Karnasch Ing.-Ges. mbH, Berlin (Haustechnik); Kienast Vogt Partner, Zürich (Landschaftsarchitekten); Jost Muxfeld (Perspektiven)

Das junge Büro Müller/Reimann aus Berlin ist durch seine Teilnahme am Wettbewerb für die Erweitung des Auswärtigen Amtes in Berlin bekannt geworden.

Müller/Reimann verstehen die räumliche Sequenz in ihrem Wettbewerbsbeitrag als eine Abfolge von überdachten Stadträumen in dem Gebäude, als eine Fortführung des Gefüges von Plätzen und Gärten der Stadt. Der Entwurf setzt die vorhandene Raumfolge fort, interpretiert sie jedoch in Teilbereichen neu. Daraus schließen sie, dass der verlorene Kuppellesesaal nicht durch eine moderne Nachahmung zu ersetzen sei, sondern ein neuer Abschluss der Achse geschaffen werden muss. Das architektonische Konzept verfolgt also eine Inszenierung der symmetrischen Eingangsachse. (...) Müller/Reimann schaffen keinen Lesesaal als Nachahmung der historischen Kuppelhalle, sondern setzen an die Stelle des einstigen Zentrums den Lichthof. Der Lesesaalbereich ist gegenüber dem historischen Bau verschoben und legt sich auf verschiedenen Ebenen um einen Garten. Dem Entwurf wird von der Jury eine gute Organisation der bibliothekarischen Abläufe bescheinigt.

Den Ausschlag für den Entwurf von HG Merz gegenüber dem von Müller/Reimann scheint die Anlage eines zentralen Lesesaals gegeben zu haben: So betonte die Jury, dass "der besondere Aufwand für den Lichtkubus durch seine architektonische Raumwirkung und städtebauliche Bedeutung gerechtfertigt" wird. Die bescheideneren Dimensionen des Entwurfes von Müller/Reimann zum einen, der unerwartete Garten als Abschluss der dominierenden Achse zum anderen wurden jedoch "als Mangel bzw. Fehlen eines der Hierarchie angemessenen Schlusspunktes" angesehen. Es scheint, als habe sich nicht nur das Gros der Wettbewerbsteilnehmer vom tradierten Bild des zentralen Lesesaals inspirieren lassen, sondern auch die Jury. Im Wettstreit unterlag der von bibliotheksfachlicher Seite überaus positiv bewertete Entwurf von Müller/Reimann der größeren architektonischen Geste.