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Pressemitteilungen | Neuigkeiten

Konzept zur Rettung für die Musikautographe von Johann Sebastian Bach

Zu den besonders wertvollen und umfangreichen Schätzen der Staatsbibliothek gehört der kompositorische Nachlaß Johann Sebastian Bachs und seiner Söhne, der bis in die jüngste Zeit wichtige Ergänzungen erfahren hat. Der Gunst des Schicksals ist es zu verdanken, daß die Autographen-Sammlung Johann Sebastian Bach keine Kriegsverluste erfahren hat. Lediglich dreizehn Bach-Autographe des Berliner Bestandes werden gegenwärtig noch in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau aufbewahrt.

Die Staatsbibliothek besitzt heute 300 Werkautographe und damit etwa 80 % des von öffentlichen Einrichtungen zusammengetragenen Quellenbestandes des großen Meisters. Die Bach-Sammlung ist in ihrer großartigen Geschlossenheit von außerordentlicher kulturhistorischer und zugleich wissenschaftlicher Bedeutung und wird zu Recht als ein wichtiger Teil des Weltkulturerbes bezeichnet, für den die Staatsbibliothek zu Berlin in ganz besonderer Weise Verantwortung trägt.

Doch ein Teil der unersetzlichen Originale ist durch Tintenfraß (Zersetzung des Papiers durch die chemische Reaktion der Tintenbestandteile Eisen(II)-sulfat und Gallussäure in Verbindung mit dem Luftsauerstoff) in seiner physischen Existenz gefährdet.

Was ist bisher zur Erhaltung der Bach-Autographe in der Staatsbibliothek geschehen?

  • Unterbringung der Bach-Sammlung in einem eigens hierfür ausgebauten klimatisierten Sicherheitsmagazin mit konstanter Temperatur von +18° C und 50 % relativer Luftfeuchtigkeit.

  • Schadensanalyse und Dokumentation des Ist-Zustandes durch die Restauratoren der Staatsbibliothek für jedes einzelne Blatt.

Im Ergebnis sind von den insgesamt 7784 Blatt der Autographen Johann Sebastian Bachs

  • 1468 Blatt (18,9 %) schwer,
  • 1746 Blatt (22,4 %) mittel und
  • 2048 Blatt (26,3 %) leicht durch Tintenfraß beschädigt.

Die übrigen 2522 Blatt (32,4 %) sind normal gealtert.

In den dreißiger und vierziger Jahren erfolgte fallweise eine Stabilisierung schwer geschädigter Blätter mit feiner Lyoner Chiffonseide. Die Chiffonierung ist jedoch für die langfristige Erhaltung der Originale nicht geeignet.

Der Alterungsprozeß verschiedener Schadenskategorien wurde im Auftrag der Staatsbibliothek von der Fachhochschule Köln, Prof. Dr. Fuchs, untersucht und wird in seinem weiteren Verlauf an ausgewählten Beispielen überwacht und dokumentiert.

  • Konservatorische Neuversorgung der Bach-Sammlung:
    Als bestandssichernde Maßnahme gegen den Tintenfraß wurden bei der Bach-Sammlung sämtliche säurehaltigen Einbände abgenommen, zwischen die einzelnen Blätter säureneutralisierende Papiere gelegt und die Autographe in formatgerechte Kassetten, die einen Luftaustausch mit der Umgebung zulassen, eingelegt.

  • Herstellung von Farbsicherheitsfilmen zur Dokumentation des Ist-Zustandes.Als Mikrofiche-Ausgabe des K. G. Saur Verlages werden die Autographen Johann Sebastian Bachs weltweit zur Verfügung stehen.

Im Oktober 1997 und März 1998 haben auf Einladung der Staatsbibliothek anerkannte Experten den gegenwärtigen Forschungsstand zum Problem Tintenfraß und die heute zur Verfügung stehenden Restaurierungsmethoden erörtert und die Staatsbibliothek bei der Erarbeitung einer Konzeption zur langfristigen Sicherung der Originalhandschriften Bachs beraten. Vertreten waren:

  • Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart, Prof. Dr. Gerhard Banik;
  • Fachhochschule Köln, Prof. Dr. Robert Fuchs;
  • das Netherlands Institute for Cultural Heritage in Amsterdam,
  • Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Bayerische Staatsbibliothek,
  • Thüringer Landes- und Universitätsbibliothek, Jena, Restaurator Günter Müller und
  • das Zentrum für Bucherhaltung Leipzig, Dr. Wolfgang Wächter.

Restaurierung stark geschädigter Blätter durch Papierspalten

Zur mechanischen Stabilisierung wirklich brüchiger und bereits weitgehend abgebauter Papiere ist das von den Restauratoren Günter Müller an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena und Dr. Wolfgang Wächter vom Zentrum für Bucherhaltung GmbH in Leipzig optimierte Papierspaltverfahren, das Einbringen eines stabilisierenden dünnen Blattes zwischen Vorder- und Rückseite eines Bogens Papier, geeignet.

Das Papierspaltverfahren ist so weit entwickelt, daß man von einer Beeinträchtigung der kulturhistorischen Substanz durch den Eingriff des Spaltens der Papiere kaum noch sprechen kann; das tintenfraßgeschädigte Schriftbild tritt ohne Verlust der natürlichen Atlersspuren auf dem Papier wieder klar hervor, die Geschmeidigkeit des Papiers ist zurückgewonnen, die Zunahme der Papierstärke durch das stabilisierende Kernpapier ist fast unmerklich. Forschungen, die nur am Original durchgeführt werden können, sind nicht beeinträchtigt.

Die Konzeption der Staatsbibliothek zur Erhaltung und Restaurierung der Bach-Autographe

Gegenwärtig werden die räumlichen und technischen Voraussetzungen zum Ausbau der Restaurierungswerkstatt im Haus Unter den Linden geschaffen. Moderne Anlagen für die restauratorischen Methoden des Papierspaltens und der Naßbehandlung werden istalliert unter ständiger Beratung durch das Zentrum für Bucherhaltung Leipzig und die Abteilung für Bestandserhaltung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Die Installationen sollen bis August 1999 abgeschlossen sein.

Parallel dazu läuft ein Trainingsprogramm für die Restauratoren der Staatsbibliothek in den Werkstätten von Dr. Wächter, Leipzig und Günter Müller, Jena, an. Nach Abschluß der geplanten Kooperationsvereinbarung mit der Thüringer ULB Jena und des Vertrages mit der ZFB Leipzig wird die Staatsbibliothek in Zusammenarbeit mit den besten Spezialisten, die es auf diesem Gebiet derzeit in Deutschland gibt, den Restauratoren Günter Müller und Dr. Wolfgang Wächter, vor Ort in Berlin mit der Restaurierung der Bach-Autographe im Bach-Jahr 2000 beginnen. Dabei wird für jeden konkreten Einzelfall, für jedes Blatt und seine spezielle Schadenslage zu entscheiden sein, welche Restaurierungsmethoden angewendet werden.

Darüber hinaus werden auch weiterhin für die Vergabe geeignete Objekte zum Spalten an Dienstleister übergeben mit dem Ziel, schwer geschädigte Originale aus den verschiedenen Beständen der Staatsbibliothek möglichst rasch vor dem weiteren Zerfall zu bewahren. Auf diesem Gebiet werden wir ebenfalls mit den erfahrenen Werkstätten in Leipig und Jena zusammenarbeiten.

Forschungsprojekt Tintenfraß

Die mechanische Stabilisierung der Papiere wird mit einem Auswaschen der Eisen(II)-ionen und der Säuren verbunden, bekannte Eingriffe gegen den Chemismus des Tintenfraßes, die in Verbindung mit der Papierspaltung nicht ausreichend dokumentiert sind. Daher wurde Anfang 1999 Prof. Dr. Gerhard Banik, Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, von der Staatsbibliothek mit einem auf etwa ein Jahr angelegten Forschungsprojekt zur Restaurierung tintenfraßgeschädigter Bach-Autographe unter Einsatz der Papierspaltung beauftragt. Zu dem Forschungsprojekt, das u. a. erstmalig die Papierspaltung wissenschaftich dokumentieren wird, gehört eine abschließende Risikoabschätzung des Verfahrens.

Finanzielle Aufwendungen

Die bisherigen finanziellen Eigenleistungen der Staatsbibliothek sind nicht unerheblich. Im Zuge der bisherigen Maßnahmen wurden nahezu DM 700.000,- eingesetzt, im laufenden Jahr (1999) sind ca. DM 640.000,- aufzubringen.

Gemeinsam mit dem Verein der Freunde der Staatsbibliothek e.V. haben wir uns deshalb an die Öffentlichkeit gewandt mit der Bitte um Unterstützung der Restaurierung der Bach-Autographe.