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Pressemitteilungen | Neuigkeiten

Mitteilung der Stadt Görlitz: Staatsbibliothek Berlin übergibt 400 Jahre alte Chronik an die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz

Vor 434 Jahren verfaßte ein unbekannter, vermutlich aus Görlitz stammender Historiker eine Geschichte Schlesiens mit dem Titel

"Ab anno Christi 1052 Chronicon Silesiae in annum 1573

ultra quinque saecula" (in Übersetzung: Chronik Schlesiens über mehr als fünf Jahrhunderte, von 1052 bis 1573).

Diese Chronik wurde nie gedruckt. Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das Manuskript seinen Platz in der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Im Zuge der kriegsbedingten Verlagerungen 1944/45 war es gemeinsam mit zehntausenden weitere kostbare Bücher aus dem Besitz der Oberlausitzischen Gesellschaft, der Milichschen Stadt- und Gymnasialbibliothek und des Ratsarchivs nach Breslau ausgelagert worden.

In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit verschwand es und kehrte nicht wieder an seinen angestammten Platz in der Neißstraße 30 zurück. Für die OLB zählte es seitdem zu den bedauerlichen Verlagerungsverlusten.

1971 wurde es der damaligen Westberliner Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz aus Privatbesitz zum Kauf angeboten. Die Berliner Bibliothekare konnten das angebotene Stück seinerzeit  keinem Vorbesitzer zuordnen. Ein Besitzstempel der Oberlausitzischen Bibliothek war zwar vorhanden, jedoch war sein Bild so schwach und undeutlich, daß es unmöglich war, daraus einen Ort oder eine besitzende Institution zu ermitteln. So wurde das interessante Manuskript gutgläubig durch die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben und trug seitdem die Signatur der Staatsbibliothek „Hdschr. 65“.

Bei der Katalogisierung der Handschrift im vergangenen Jahr konnte man sich in Berlin jedoch neuer Hilfsmittel bedienen.  Ein erst kürzlich erschienenes und von der Berliner Staatsbibliothek bearbeitetes deutschlandweites Verzeichnis von Bibliotheksstempeln brachte die (entfernen: Berliner) dortigen Handschriftenbibliothekare auf die Spur nach Görlitz. Der ovale Stempelabdruck (ein Orangenzweig, gleichzeitig Blätter und Früchte tragend) konnte als der Besitzstempel der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften identifiziert werden. Eine entsprechende Anfrage nach Görlitz brachte rasche Klarheit: Es handelte sich eindeutig um die im Katalog mit dem Vermerk „Verlagerungsverlust“ versehene Handschrift aus dem ehemaligen Besitz der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften.

Natürlich bestand sofort der Wunsch, dieses Stück wieder an seinen angestammten Platz überführen zu können. Andererseits ist aber unbestreitbar, dass die Staatsbibliothek zu Berlin 1971 rechtskräftig Eigentümer des Manuskriptes geworden ist.

Umso größer war die Freude, als durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Angebot unterbreitet wurde, die Chronik wieder nach Görlitz in die Obhut der Oberlausitzischen Bibliothek zu geben.  Zwei Aspekte mögen dafür den Ausschlag gegeben haben: Zum einen ist eine Chronik der Region am sinnvollsten in ihrem historischen Kontext aufbewahrt. Dort kann sie als ein historiographischer Mosaikstein der Forschung am besten dienen. Zum anderen ist es eine Geste der Partnerschaft unter Bibliotheken, die vom gleichen Schicksal der kriegsbedingten Verlagerung großer und wichtiger Bestände betroffen sind.  So vermißt die Oberlausitzische Bibliothek schmerzlich u.a.  343  Inkunabeln, über 1400 Handschriften und ca. 15 000 Bände an Druckschriften, die sich seit 1945 in Breslau befinden.  Dies bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die kulturelle Identität der Region. Von den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin werden heute knapp 20.000 Handschriften, 500.000 Autographen und 45.000 Druckschriften in der Krakauer Universitätsbibliothek aufbewahrt. Rund 335.000 sind durch Brände und andere Umstände vernichtet. Das Schicksal weiterer rund 300.000 Bände ist bis heute ungeklärt.

Am Freitag, den 20.04.0, um 18.00 Uhr im Historischen Büchersaal der OLB, Neißstraße 30 wird die Generaldirektorin der Staatsbibliothek Berlin, Frau Barbara Schneider-Kempf, das Manuskript der Stadt Görlitz wieder übergeben.  Begleitet wird sie dabei vom Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek, Prof. Dr. Eef Overgaauw.