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Pressemitteilungen | Neuigkeiten

50 Jahre Rückkehr von Beständen aus Russland

Literatur im Foyer: Deutsch-Russischer Museumsdialog — 50 Jahre Verlust + Rückgabe

Donnerstag, 30. Oktober 2008, 9 — 21 Uhr
Foyer, Haus Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

Vor 50 Jahren wurden auch an die Staatsbibliothek wertvolle Bestände - Handschriften und Nachlässe - übergeben, welche in Folge des Krieges in die Sowjetunion gelangt waren. Im Rahmen einer 1-tägigen Präsentation werden von diesen Beständen einige ausgestellt, ergänzt wird die Sonderpräsentation mit Stücken und Dokumenten, die an die Rückführung der Kulturgüter erinnern.

Folgende Bestände kehrten 1958 zurück: August F. E. Freiherr von Arnswaldt, Bibliotheca Dieziana, Heinrich Christian Boie, Adelbert von Chamisso, Friedrich Christoph Dahlmann, Joseph Freiherr von Eichendorff, Johann Gottlieb Fichte, Theodor Fontane, Jean Henri Samuel Formey, Gustav Freytag, Carl Gustav Homeyer, Wilhelm Mannhardt, Manuscripta italica, Manuscripta genealogica, Theodor Mommsen, Friedrich Nicolai, Jean Paul, Heinrich Christian Schumacher, Heinrich von Treitschke


Die Staatsbibliothek zu Berlin zeigt am 30. Oktober 2008 herausragende Manuskripte und Briefe aus ihren Nachlässen und Sammlungen, die 1957 und 1958 aus der Sowjetunion nach Ost-Berlin zurückkehrten. Im Jahresbericht 1957 der Deutschen Staatsbibliothek hieß es lapidar: "Im Dezember traf der erste Teil des Rückführungstransports der bis dahin in der Verwahrung der Sowjetregierung befindlichen Handschriftenbestände ein." 1958 rangiert dann die Rückführung an erster Stelle der Berichterstattung: "Nachdem bereits am Ende des Jahres 1957 ein erster Rückführungstransport aus der Sowjetunion eingetroffen war, folgte ein zweiter im Januar 1958. Die Sichtung, Sortierung, Aufarbeitung und Weiterleitung des Rückführungsgutes bestimmte die Arbeit in der ersten Hälfte des Jahres. Im Zuge dieser Arbeiten konnten der seinerzeit ausgelagerte Teil der Diez-Handschriften, der Manuscripta Italica, der Manuscripta Genealogica und die Nachlässe Arnswald, Boie, Chamisso, Dahlmann, Eichendorff, Fichte, Formey, Fontane, Gustav Freytag, Homeyer, Jean Paul, Mannhardt, Mommsen, Nicolai, Schumacher unseren Beständen eingereiht und benutzbar gemacht werden." Nicht genannt wurde der ebenfalls zurückgeführte Nachlass Heinrich Treitschkes.

Alle Nachlässe gehören zu den wissenschaftlich hoch bedeutenden Beständen, die zum größten Teil schon im 19. Jahrhundert in die Bibliothek gekommen waren. Im Zuge der Auslagerungen, durch welche die Staatsbibliothek seit 1941 ihre Sammlungen vor Kriegseinwirkungen zu schützen versucht hatte, waren diese Sammlungen und Nachlässe zusammen mit umfangreichen Druckschriftenbeständen 1942 in das sächsische, unweit von Meißen gelegene Dorf Gauernitz verbracht worden. Im dortigen Schloss, das den Fürsten von Schönburg-Waldenburg gehörte, zur Zeit der Auslagerung aber unbewohnt war, wurden zwei Güterwagenladungen kostbarer Drucke, Flugschriften, Zeitungen, Handschriften, Karten und Musikalien untergebracht. Die Auswahl der nach Gauernitz verbrachten Bestände entsprach der von der Bibliothek verfolgten Taktik, alle Auslagerungsorte möglichst gemischt zu bestücken. So wollte man dem Totalverlust einer ganzen Signaturengruppe vorbeugen. Nachdem Gauernitz und das Schloss kampflos der Roten Armee übergeben worden war, müssen die dort liegenden Bestände der Preußischen Staatsbibliothek wohl in die damalige Lenin-Bibliothek nach Moskau abtransportiert worden sein. Dort wurden sie sachgerecht gelagert, teilweise sogar katalogisiert (z. B. der Nachlass Adelbert von Chamissos).

1957 und 1958 wurden einige Teile des aus Gauernitz abtransportierten Materials der damaligen Deutschen Staatsbibliothek in Ost-Berlin zurückgegeben. Es handelte sich ausschließlich um die im Folgenden genannten Nachlässe und Handschriftensammlungen sowie um wenige andere kleinere Sammlungen. Über das Schicksal der Drucke, Karten und Musikalien ist nichts bekannt. Auch die Vollständigkeit der zurückgegebenen Nachlässe ist wegen abweichender Zählungen (Kästen, Nummern, Mappen) nicht mit letzter Sicherheit zu bestätigen. Warum gerade dieses Material zurückgegeben wurde, ist nicht bekannt.

Wir zeigen anlässlich der vor 50 Jahren erfolgten Rückführung Manuskripte und Briefe aus den Nachlässen der deutschen Dichter Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Gustav Freytag und Jean Paul. Heinrich Christian Boies Nachlass enthält Material zu den bedeutendsten literarischen Zeitschriften der Zeit, dessen Herausgeber er war. Adelbert von Chamissos Nachlass zeigt den berühmten Dichter der Romantik vor allem auch als den bedeutenden Naturwissenschaftler, der zu Unrecht in Vergessenheit geriet.

Deutsche Wissenschaftsgeschichte aus drei Jahrhunderten wird illustriert: Jean Henry Samuel Formey, Sekretär der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Philosoph und Vertrauter Friedrichs des Großen, korrespondierte mit der Intelligenz des 18. Jahrhunderts. Was ist die Berliner Aufklärung ohne den Verleger Friedrich Nicolai und wer kennt nicht des Philosophen Fichte Versuch einer "moralischen Weltordnung"? Der Astronom Heinrich Christian Schumacher interessiert uns besonders als Korrespondenzpartner von Gauß und Alexander von Humboldt. Friedrich Christoph Dahlmann zählt zu den Historikern, die als Mitglied der "Göttinger Sieben" ihrer Professur enthoben wurden. Heinrich von Treitschkes Nachlass zeigt uns den Historiker im täglichen Austausch mit Kollegen. Und Theodor Mommsen, der zu den bedeutendsten deutschen Historikern zählt, begegnet uns mit einem Reisetagebuch.

August Friedrich Freiherr von Arnswald gehörte, zusammen mit den Brüdern Grimm und anderen, zum "Bökendorfer Kreis" literarisch ambitionierter junger Leute, der sich dem Sammeln von Märchen, Sagen und literarischem Volksgut widmete; der Jurist Gustav Homeyer interessiert uns hier als Erforscher von "Hausmarken"; des Sagenforschers Wilhelm Mannhardts Werk erfährt gerade eine Renaissance.

Typische Beispiele aus den Reihen der italienischen und genealogischen Handschriften sind zu bewundern sowie ein besonderes Manuskript aus der Sammlung Diez.

Der Verlust aller dieser Nachlässe und Sammlungen wäre für die Bibliothek und damit für die Forschung ein irreparabler Schaden gewesen. In Nachlässen kommt die Vergangenheit lebendiger und direkter auf uns zu, gedruckte Werke entbehren des Authentischen. Die der Bibliothek 1958 zurückgegebenen Nachlässe und Sammlungen gehören unter den mehr als 1.000 Nachlässen zur Wissenschafts- und Literaturgeschichte zu den besonders wichtigen und unersetzlichen Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin.

Aus Anlass des 50. Jahrestages der zweiten großen Rückgabeaktion von über 1,5 Millionen Kunstwerken und Bibliotheksbeständen aus der Sowjetunion an die Deutsche Demokratische Republik im Jahr 1958 möchte die Initiative "Deutsch- Russischer Museumsdialog" an dieses bedeutsame Ereignis erinnern und der heutigen russischen Regierung ausdrücklich danken. Zweifelsohne ist es ihre Rückkehr, die den Wiederaufbau der kriegszerstörten Kultureinrichtungen beflügelte und das Wiedererstehen der ostdeutschen Museums- und Bibliothekslandschaft ermöglichte.

Die Veranstaltung "Verlust + Rückgabe" am 30. Oktober 2008 im Pergamon-Museum, die den Anlass für diese Sonderausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz ist, geht auf die Initiative "Deutsch-Russischer Museumsdialog" zurück. Der 2005 gegründete Museumsdialog bündelt auf Fachebene die Interessen der von kriegsbedingt verlorenem Kulturgut betroffenen deutschen Museen. Ziel ist es, die fachlichen Kontakte und Kooperationen zwischen deutschen und russischen Museen auf Arbeitsebene zu intensivieren. Für die Bibliotheks- und auch Archivverluste wird eine vergleichbare Initiative angestrebt.