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Pressemitteilungen | Neuigkeiten

In der Alten Synagoge Erfurt zu sehen: Herausragende Zeugnisse jüdischer Kultur aus der Staatsbibliothek

Seit dem 27. Oktober sind in der als Museum wiedereröffneten Alten Synagoge Erfurt in der Ausstellung "Schätze mittelalterlicher jüdischer Kultur" auch Spitzenstücke aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin zu sehen.

Website der Synagoge Erfurt


Im Sommer des Jahres 1880 erwarb die Königliche Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek zu Berlin) vom Evangelischen Ministerium in Erfurt fünfzehn hebräische Handschriften. Über die Entstehung, die ersten Besitzer oder das Schicksal dieser Manuskripte ist nichts bekannt. Vermutet wird, dass sie nach den Pogromen des Jahres 1349, in denen die Erfurter jüdische Gemeinde unterging, in ein Kloster gelangten. Nachzuweisen ist, dass sich die Handschriften im 17. Jahrhundert in der nach der Reformation dort eingerichteten Bibliothek des Evangelischen Ministeriums befanden. Drei dieser Handschriften, die jetzt in der Erfurter Synagoge ausgestellt werden, sind ungewöhnlich und einzigartig:

  • Die gezeigte Thora-Rolle wird auf das Ende des 13. Jahrhunderts datiert. Sie ist in aschkenasischer Schrift geschrieben und enthält, gemäß der für die Kopie von Thora-Rollen gültigen Vorschriften, keinerlei Schmuckelemente. Auffallend ist jedoch ihre ungewöhnliche Größe: Die Rolle selbst ist 78 cm hoch, der Stab zum Halten der Thora ist 119 cm hoch  - es braucht mindestens zwei Personen, um sie zu tragen. Nicht geklärt ist, warum die Thora-Rolle mit solch großen Abmessungen gefertigt wurde, ist sie doch damit ebenso schwer aufzubewahren, zu bewegen wie zu handhaben.

  • Die 1343 vollendete Bibel Erfurt 1 - die größte bekannte hebräische Bibelhandschrift auf Pergament - besteht aus zwei Bänden. Die Folioseiten messen 62,9 x 47 cm; wegen des ungewöhnlichen Formats mussten fast alle Doppelblätter aus zwei einzelnen Blättern zusammengesetzt werden - rund 1.000 Tier musste dafür ihre Haut hergeben. Die beiden Bände mit 580 bzw. 546 Blatt wiegen jeweils 50 Kilogramm; die wiederum dem ungewöhnlichen Format und dem Gewicht geschuldete „Bindung“ in schweren kofferartigen Gehäusen stammt aus dem Jahr 1590 — ein wahrer Gigant unter den erhaltenen Bibelhandschriften!
    Aufgrund ihres enormen Gewichts wurden die beiden Bände im Zweiten Weltkrieg nicht, wie viele andere Bestände, in sichere Gegenden verlagert sondern blieben in Berlin. Dort nahmen der zweite Band durch Feuer und Wasser großen Schaden, in den vergangenen Jahren wurde dieser Band aufwändig restauriert.
    Besonders auffallend an der Handschrift sind die Ausschmückungen der Titelseiten und die filigranen Mikrographien, teils in Gestalt von grotesken Wesen und Fabeltieren. Der unbekannte Auftraggeber hatte vermutlich gelehrte Ansprüche, denn anders als in späteren Bibelausgaben steht die aramäische Übersetzung nicht am Rand neben dem hebräischen Urtext, sondern es folgt auf jeden hebräischen Vers die aramäische Übersetzung. Angegeben ist dazu die Masora, d. h. die unterschiedlichen Textvarianten und Lesarten. An einigen Stellen im zweiten Band, der die späteren Propheten und Hagiographen enthält, ist der Text nicht zu Ende kopiert worden.
    Ausgestellt ist der erste der beiden Bände sowie der soeben restaurierte Einband des zweiten Bandes.

  • Weniger spektakulär, doch in seinem Format immer noch bemerkenswert, ist ein nicht datierter, aus dem Hochmittelalter stammende Machsor, auch er gehört zu den 1880 erworbenen Handschriften aus Erfurt. Im Unterschied zum Siddur, dem Gebetbuch für die Gottesdienste an Wochentagen und dem Schabbat, enthält der Machsor die Liturgie für die Festtage des Jahres und, wie auch in unserem Exponat, Bitt- und Bußgebete (Slichot) für die Trauerzeit um den Neunten Av, an welchem Tag der Überlieferung zufolge, der Tempel in Jerusalem zerstört wurde.