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Von Sansibar nach Berlin und weiter

Heutige Auseinandersetzungen mit Werk und Leben Emily Ruetes

      

Hans Christoph Buch

Sansibar Blues oder: Wie ich Livingstone fand  (Frankfurt am Main: Die Andere Bibliothek / Eichborn), 2008

„Wenn ich mit meiner Dienerin Aischa auf den Markt einkaufen ging, machten die Passanten […] einen Bogen um uns, aus Angst, durch die Begegnung mit einer Haremsdame ihre Unschuld oder ihre Geldbörse zu verlieren […]. Schauerleute, Matrosen und Bierkutscher [… blieben] wie angewurzelt stehen und [starrten] mich mit aufgerissenen Augen an […], wobei aus ihrem Mienenspiel deutlich zu ersehen war, welch pornographischer Film hinter den niedrigen Stirnen ablief – ein Anachronismus, ich weiß, denn damals gab es weder Pornofilme noch Sexshops. Um so erstaunter war ich, als ich in der Illustrierten Daheim – vielleicht hieß sie auch Gartenlaube oder Über Land und Meer – folgende Sätze las […]“. (Sansibar Blues, S. 154)

In diesem Roman des Schriftstellers, Essayisten und Journalisten Hans Christoph Buch – der „ein deutsches Jahrhundert auf Sansibar“ schildert und „jede“ Biografie als „eine Heiligenlegende“ proklamiert, „die nie die ganze Wahrheit wiedergibt und auf dem Weglassen wichtiger Fakten beruht“ (Sansibar Blues, S. 176) – bildet die Figur von Emily Ruete einen von mehreren einzigartigen Verknüpfungspunkten zwischen Sansibar und Deutschland. Der Untertitel des Romans stellt in erster Linie eine Anspielung auf das Buch von Henry Morton Stanley dar (Autorisierte dt. Ausgabe, Leipzig: Brockhaus 1879). Aber gerade spielt es auch auf den Prozess des In-Frage-Stellens von „etablierten“ kolonialen Figuren und Berichten an  – stützt er sich doch eher auf das „Lebensbild“ Tippu Tips (von Heinrich Brode wiedergegeben – Letzterer hatte auch die Autobiografie Tippu Tips ins Deutsche übersetzt). Der sansibarische Sklaven- und Elfenbeinhändler Tippu Tip, damals eine der wichtigsten Persönlichkeiten Ostafrikas, war bei der Begegnung zwischen Stanley und Livingstone dabei: in Buchs Roman findet er Livingstone und spricht die berühmten „Treffwörter“ aus. Die Fortsetzung des vorliegenden Ausschnitts ist auch Beispiel dieses In-Frage-Stellens: durch Tausch und spielerische Mischung der Elemente der Vorerzählungen der Memoiren werden diese Vorerzählungen gleichzeitig hinterfragt.

Signatur: Staatsbibliothek zu Berlin, 1a732434


Nicole C. Vosseler

Sterne über Sansibar (Köln: Lübbe), 2010

„Salima kauerte in einer Ecke und ließ ihren Tränen freien Lauf. […] Soldaten hielten Tag und Nacht Wache vor dem Portal, ließen sie nicht hinaus und ließen auch Heinrich nicht ein. Hoffnungslosigkeit hatte sich über das Haus gelegt wie ein Vogel mit düsteren Schwingen […]. ‚Ich sitze hier in der Falle! Ohne Heinrich. Ohne die Möglichkeit, hier wieder herauszukommen. Irgendwann wird Majid ungeduldig werden […]‘“. (Sterne über Sansibar, S. 235 f.)

Emily Ruete ist Hauptfigur dieser historischen Liebesgeschichte, die eine romanhafte Bearbeitung der Memoiren und des Nachlasses ist, und beiden relativ nah zu bleiben scheint – mit bezeichnender Ausnahme der „Liebesgeschichte“ Emily und Heinrich Ruetes: denn Vosselers Version der „Entführung“ scheint viel mehr von den illustrierten Zeitschriften (sowie den damaligen diplomatischen Akten) inspiriert zu sein als von den Memoiren – vielleicht weil die schnörkellose Erzählung der Memoiren zu einer „magische[n] Liebesgeschichte, die die tropische Hitze der Gewürzinsel mit der kühlen Brise des hohen Nordens verbindet“ nicht zu passen scheint (Sterne über Sansibar, Klappentext).

Signatur: Staatsbibliothek zu Berlin, 1a812975


HMJokinen

Siebdruck-Porträt zur Performance „An Maria Ernestina“ 2009 (16. Februar)

Aus dem „Denk-Zettel“ zur Performance: „Das bemerkenswerte Leben der Prinzessin Salme teilt sich in zwei Hälften und hat mehrere Seiten. […] Ich begrüße die Ausstellung zur Erinnerung an Sayyida Salme, Tochter einer [Versklavten], die zum Opfer der Bismarckschen Kanonenbootpolitik wurde und den alltäglichen Rassismus in Hamburg und Deutschland erleben musste, über den sie in ihrem Buch ‚Briefe nach der Heimat‘ schrieb.
Ich wende mich zugleich ab von einer etwaigen Ehrung für eine Prinzessin, die Sklavendienste als selbstverständlich hinnahm und von ihnen profitierte. Auf den Nelkenplantagen Sayyida Salmes mussten [Versklavte] schuften. Noch in ihrem Lebensabschnitt in Deutschland, wo Abolition längst Thema gesellschaftlicher Debatten war, befürwortete Salme ungebrochen die Sklaverei als eine ‚notwendige‘ Institution […]“. („Denk-Zettel“, www.afrika-hamburg.de/mariaernestina.html)  


Die bildende Künstlerin HMJokinen hat diese Performance bei der Ausstellungseröffnung „Hinter dem Schleier der Geschichte – eine arabische Prinzessin in Sansibar, Oman, Deutschland und Tscherkessien“ im Rathaus Hamburg anlässlich der „Sansibar-Woche“ (2009) durchgeführt. In der Ausstellung wurde Sayyida Salme/Emily Ruete als Symbolfigur für Hamburgs künftige Städtepartnerschaft mit Dar es Salaam gefeiert. Mit der Gegenfigur Maria Ernestinas, einer ehemals Versklavten in Bagamoyo, erinnert die Performance auch an die Rolle Sayyida Salmes als Sklavenhalterin und Emily Ruetes als Verteidigerin der Sklaverei: ein Aspekt ihrer Memoiren, der in der Ausstellung im Hamburger Rathaus nicht vorkam und dem kreative und historische Aufarbeitungen erst seit kurzem Beachtung schenken. Im Rahmen der Performance wurde Maria Ernestinas Biografie als Zeichen einer von der Geschichtsschreibung Vergessenen konzipiert: Maria Ernestina hinterließ lediglich einige wenige biografische Spuren und ein Fotoporträt, aus dem dieser Siebdruck entstand. Umrahmt ist das Bild mit goldfarbenen Kisuaheli-Texten. Der westlich/östlich-spirituellen Tradition der Ikone folgend, versinnbildlicht die Goldfarbe Ewigkeit und erhöht somit Maria Ernestinas Bild. Die Texte geben Sprichwörter wieder, die die tansanischen Frauen auf ihrer Kanga-Kleidung tragen. 35 Siebdruckporträts (der Anzahl der Jahre seit dem Tod Maria Ernestinas 1974 entsprechend) hatte die Künstlerin zum Mitnehmen bereitgestellt.
Weitere Informationen unter  http://www.afrika-hamburg.de/mariaernestina.html

Privatbesitz
Foto © HMJokinen