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E.-T.-A.-Hoffmann-Archiv

Die Stifterin des E.-T.-A.-Hoffmann-Archivs, Dr. Christa Karoli

"Brumans est mors. Hodie mihi. Cras tibi"

Am 26. Januar 1998 schrieb in ihrer Wohnung in der Nähe des Münchener Krankenhauses Harlaching eine noch nicht 62-jährige Millionärin ihr Testament. Krank bereits seit Mitte der 50er Jahre, inzwischen kaum noch aus eigenen Kräften bewegungsfähig, wollte sie ihren Nachlass ordnen und abschließend über ihr Vermögen verfügen. Mit der Auflage, damit ein „E.-T.-A.-Hoffmann-Archiv“ einzurichten, vermachte sie einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.


Elternhaus
Die Großeltern von Frau Dr. Christa Karoli stammten aus Siebenbürgen. Der Großvater väterlicherseits war evangelischer Pfarrer in Hahnbach in der Nähe von Hermannstadt (Sibiu) gewesen, der trotz großer Armut allen seinen sechs Kindern ein Studium ermöglicht hatte.
Einer der Söhne, Richard (1903-1984), studierte von 1922 an in Leipzig, wo er erfolgreich mehrere Kaufmann-Abschlüsse erwarb. Ab 1935 war er Sozius des Wirtschaftsprüfers Dr. W. Voss in Berlin und stellvertretendes Vorstandsmitglied der Deutschen Revisions- und Treuhand AG. 1936 wurde seine Tochter Christa Karoli geboren. In den folgenden Jahren verdiente er offenbar genug Geld, um sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Joachim von Ribbentrop, Konstantin Freiherr von Neurath und dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg in der Rheinbabenallee in Berlin-Dahlem eine stattliche Villa leisten zu können.
Der räumlichen Nähe zu den Nazi-Größen entsprach die innere Einstellung Richard Karolis, von dem seine Tochter später erzählte, er sei ein glühender Anhänger Hitlers gewesen. Zu seinen Lebenshöhepunkten habe es gehört, einmal von diesem in kleinem Kreise empfangen worden zu sein.
Im Hause Karoli in Berlin-Dahlem herrschten 'nationalsozialistische Tugenden' in großbürgerlicher Spielart. Es zählte ausschließlich Leistung, der Weg dorthin waren Arbeit, Disziplin, 'Drill'. Gefühle und Individualität waren unwichtig, ähnlich wie Krankheiten eher ein Zeichen von Schwäche. Kultur galt als 'dummes Zeug' und war bestenfalls zu Repräsentationszwecken brauchbar.
Christa Karoli war in diesem Umfeld so deplaziert wie eben möglich. Ausgestattet mit einer ungewöhnlich hohen Sensibilität, ausgesprochen empfindlich, wenig belastbar, neigte sie zu Melancholie. Ihre Begabungen lagen im geistigen und musischen Bereich.

Studium und Begeisterung für E. T. A. Hoffmann
1955 begann sie in Berlin Medizin und Psychologie zu studieren, 1956 wechselte die 20-jährige ihre Fächer und begann das Studium von Neuerer Deutscher Literatur und Anglistik. Ihrem Studienfach-Wechsel folgte der Umzug nach München-Schwabing. In München lernte sie Prof. Helmut Motekat (1919-1996) kennen, der sie in den Kreis seiner Doktoranden aufnahm, offenbar beeindruckt von der sprachlichen und wissenschaftlichen Begabung Karolis. Mit Motekat teilte sie ein Interesse, dass ihr ganzes Leben anhielt und seinen Niederschlag noch in ihrem Testament finden sollte: das Interesse an E. T. A. Hoffmann. Zunächst äußerte es sich schwärmerisch, doch wuchs die Begeisterung für E.T.A. Hoffman zu einer dauerhaften Liebe an. Besuche des Hoffmann-Grabes auf dem Friedhof am Mehringdamm in Kreuzberg gehörten wie selbstverständlich zu ihren Aufenthalten in Berlin. 1965 wurde sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit über "Ideal und Krise enthusiastischen Künstlertums in der deutschen Romantik." promoviert. Unmittelbar nach ihrer Promotion beschloss Karoli, die Welt der Universität und der Wissenschaft zu verlassen, um Schriftstellerin zu werden und begann zunächst als Übersetzerin von Drehbüchern für das Fernsehen. In der Folgezeit kümmerte sie sich vor allem um das Haus, das der Vater in Garmisch-Partenkirchen als eine Art zweiten Familienwohnsitz gekauft hatte, reiste mit dem Auto durch Italien, Südfrankreich, Südtirol, Österreich und die Tschechoslowakei.

Krankheit und Erbe
Mit starken Kopfschmerzen und Ermüdigkeitserscheinungen kündigte sich schon während ihres Studiums ihre schwere Nierenerkrankung an, die sie aber lange Zeit ignorierte. Als sie schließlich nicht mehr umhin kam, sich untersuchen zu lassen, war es bereits zu spät. 1976 musste Dr. Karoli 40-jährig mit der Dialyse beginnen, 1994 wechselte sie noch einmal ihre Wohnung, um dem Krankenhaus in Harlaching im Münchener Süden näher zu sein. Was ihr blieb waren ihre intensiven Beziehungen zu den Dichtern, allen voran ihrem 'Idol', E.T.A. Hoffmann. Zur Heimat wurde ihr diese neue Wohnung jedoch nicht mehr. Im April 1998 wurde sie in die Klinik eingeliefert, die sie lebend nicht wieder verlassen sollte. Im September des gleichen Jahres starb Christa Karoli. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass ihr Leichnam verbrannt und in einer Urne in einem Wandelgang des Münchener Ostfriedhofs beigesetzt würde. Als Grabspruch bestimmte sie die letzten beiden Wörter des lateinischen Uhren-Spruchs Omnes vulnerant. Ultima necat. (Alle Stunden verletzen. Die letzte tötet). Ihr Testament vom 26. Januar 1998, dem die Staatsbibliothek Berlin heute einen großen Teil ihrer umfangreichen E.-T.-A.-Hoffmann-Sammlung verdankt,  hatte sie beschlossen mit dem Satz: Brumans est mors. Hodie mihi. Cras tibi. - "Kalt ist der Tod. Heute für mich, morgen für dich."