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Handschriften

Biographie Dietrich Bonhoeffers (mit Verweisen zum Nachlass)

 

Von Till Becker

Die folgende Biographie entstand in Anlehnung an Eberhard Bethges Biographie Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse. Gütersloh 2005. Zitate folgen der Ausgabe Dietrich Bonhoeffer Werke. Hg. v. Eberhard Bethge et al. Gütersloh 1986.

Paula Bonhoeffer mit ihren acht Kindern, Breslau, 1911/12 (Dietrich Bonhoeffer: 3.v.l.)
Paula Bonhoeffer mit ihren acht Kindern, Breslau, 1911/12

Dietrich Bonhoeffer wurde als sechstes von acht Kindern am 4. Februar 1906 in Breslau in eine großbürgerliche Akademikerfamilie geboren. Sein Vater, Karl Bonhoeffer, war ein habilitierter Psychiater; seine Mutter, Paula Bonhoeffer, kümmerte sich als Lehrerin nicht nur um die Bildung der eigenen Kinder, sondern auch der Kinder befreundeter Familien. Einem Ruf des Vaters auf einen Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie folgend, zog die Familie 1912 nach Berlin. Dort besuchte Dietrich zunächst (1913-1919) das humanistische Friedrich-Werdersche Gymnasium, später das exklusivere Grunewaldgymnasium.

Den ersten Weltkrieg erlebten die Bonhoeffers in Berlin. Der Kriegstod des zweitältesten Sohnes Walter am 23.4.1918 versetzte der Familie einen Schock; sowohl die Nachricht selbst als auch der Schmerz seiner Mutter machten einen tiefen Eindruck auf Dietrich. Drei Jahre später überreichte sie ihm bei seiner Konfirmation Walters Bibel, welche er sein Leben lang benutzen sollte.

Die Familie vertrat eine eher bürgerliche politische Haltung in der kriselnden Weimarer Republik; lediglich der älteste Bruder Karl-Friedrich sympathisierte mit der sozialdemokratischen Regierung. In Dietrichs letzten Schuljahren wurde mehr und mehr seine Abneigung gegen die erstarkenden Rechtsradikalen deutlich. So schrieb er in einer Postkarte vom 7.7.1922 an seine Eltern über eine Bahnfahrt: „Der eine Mann fing wirklich, kaum daß er ins Coupée gekommen war, an zu politisieren und zwar wirklich ganz borniert rechts.“

Dietrichs Weg in die Theologie war alles andere als vorgezeichnet. Die Bildungswege seiner Geschwister gingen eher in die naturwissenschaftliche Richtung; auch wurde in der Familie zwar der christliche Glaube, nicht jedoch die Institution Kirche hochgehalten. Gleichwohl fand sich mit Hans von Hase, dem älteren Bruder von Bonhoeffers Mutter, ein Pfarrer in der unmittelbaren Umgebung der Familie. Dietrichs Berufswunsch äußerte sich schon früh; in einem Lebenslauf aus dem Jahr 1923 vermerkte er: „Schon seit meinem 13. Lebensjahr war mir mein späteres Studium der Theologie klar. Nur die Musik machte mich in den letzten zwei Jahren noch schwankend.“ Im Alter von 15 Jahren legte er mit seiner Entscheidung für Hebräisch als Wahlfach die Richtung seiner weiteren Ausbildung fest, zwei Jahre später schloss er die Schule mit dem Abitur ab.

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Dietrich Bonhoeffer als 17-jähriger Student in Tübingen (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 3)
Dietrich Bonhoeffer als 17-jähriger Student in Tübingen

Im gleichen Jahr nahm Bonhoeffer im Alter von 17 Jahren sein Studium der Theologie in Tübingen auf; hier belegte er u.a. ein dogmatisches Seminar bei Karl Heim sowie erkenntnistheoretische Seminare bei Karl Groos. Im Frühjahr 1924 brachte ihm eine Bildungsreise in Rom den Katholizismus sowie das Thema „Kirche“ näher. Von der Reise, die er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Klaus unternahm, ist ein Reisetagebuch erhalten.

Zum Sommersemester 1924 wechselte Bonhoeffer nach Berlin an die Friedrich-Wilhelm-Universität. Hier kam es zum Kontakt mit Adolf v. Harnack, der - eigentlich bereits erimitiert - noch bis 1929 für eine ausgewählte Gruppe von Studenten Vorlesungen und Seminare hielt. Bonhoeffer, der an diesem Seminar teilnahm, notierte nach seiner Promotion die an Harnack gerichteten Worte: „Zu eng mit meiner ganzen Person verbunden ist das, was ich in Ihrem Seminar gelernt und verstanden habe, als daß ich es je vergessen könnte.“

Neben dem Seminar Harnacks besuchte Bonhoeffer noch Seminare von Ernst Holl, Reinhold Seeberg (der später sein Doktorvater werden sollte) sowie Adolf Deißmann, der eine große Rolle in der ökumenischen Bewegung spielte.

Die entscheidende Figur für Bonhoeffers weitere theologische Entwicklung wurde Karl Barth, den er zu Beginn des Winters 1924/25 entdeckte. Dessen dialektische Theologie stand der liberalen Theologie Adolf v. Harnacks gegenüber; Bonhoeffer - der ja in engem Kontakt zu Harnack stand - musste unweigerlich in den Disput hineingezogen werden. Noch 1929 mahnte Harnack Bonhoeffer in einem Brief, die „geistige und geistliche Existenz“ sei „von Verachtung der wissenschaftlichen Theologie und von unwissenschaftlichen Theologien“ bedroht: „Um so zuversichtlicher müssen daher die die Fahne echter Wissenschaft hochhalten, die zu ihr stehen“. Bonhoeffer hatte jedoch schon längst - trotz mancher Kritikpunkte - die Perspektive Barths angenommen.

Promotion

Im Wintersemester 1925/26 begann Bonhoeffer im Alter von 19 Jahren mit seiner Dissertation. Die Wahl eines Doktorvaters fiel ihm zunächst schwer, hatte er doch bei Seminararbeiten gute Erfahrungen mit Harnack und Holl gemacht. Schließlich entschied er sich, da er seinen Schwerpunkt auf systematische Theologie legen wollte, für Reinhold Seeberg; die Entscheidung begründete er im Brief vom 21.9.1925 an seine Eltern. Die nächsten anderthalb Jahre widmete sich Bonhoeffer der Arbeit, daneben verfasste er noch mindestens sieben Seminararbeiten sowie neun katechetische und homiletische Entwürfe und betreute eine Kindergottesdienstgruppe. Am 1. August 1927 wurde die Dissertation Sanctorum Communio: Eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche von der Fakultät angenommen.

Die unmittelbare Resonanz war nicht groß; zum einen lag dies an Schwierigkeiten mit dem Druck, die z.T. der Weltwirtschaftskrise geschuldet waren. Das Werk wurde schließlich 1930, also über drei Jahre nach der Fertigstellung gedruckt, was auch daran lag, dass Reinhold Seeberg umfassende Änderungen verlangte. Zum anderen versuchte Bonhoeffer in der Arbeit, enorm kontrastierende Ansätze zusammenzubringen: Soziologie und historische Tradition auf der einen, barthsche Offenbarungstheologie auf der anderen Seite. Sein Vetter Hans Christoph von Hase vermerkte in einem Brief: „Es werden nicht viele die Sache wirklich begreifen, die Barthianer wegen der Soziologie und die Soziologen wegen Barth.“ Dennoch schien Bonhoeffer mit seiner Fokussierung auf der Kirche ein zu der Zeit virulentes Thema aufgegriffen zu haben. Nicht nur  veröffentlichte Paul Althaus 1929 mit Communio Sanctorum. Die Gemeinde im lutherischen Kirchengedanken eine Arbeit sehr ähnlichen Themas; Bonhoeffers Kommilitone Richard Widmann wies ihn im Brief vom 17.11.1925 auf das aktuelle Interesse an diesem Gebiet hin:

„Ihre Licentiaten-Arbeit kann aber doch allerhand Konsequenzen haben. Siehe Althaus und seine ‚Lebendige Gemeinde’. Siehe Barths Rede in Duisburg-Meiderich (Neuestes Heft: Zwischen den Zeiten), siehe Kierkegaards „Angriff“, siehe die neueste ‚Bewegung’ in der Jugendbewegung: alles schreit nach ‚Bund’, ‚Gemeinschaft’, ‚Gemeinde’. Siehe das bayrische Konkordat!“

Am 17.12.1927 wurde Bonhoeffer nach der mündlichen Prüfung und der öffentlichen Verteidigung seiner Promotionsthesen mit „Summa cum laude“ promoviert. Einen Monat später legte er die erste theologische Prüfung beim Konsistorium der Mark Brandenburg ab.

Kindergottesdienstgruppe

Mit der Arbeit an der Dissertation begann Bonhoeffer auch die Betreuung einer Kindergottesdienstgruppe; zunächst allein, dann gemeinsam mit seiner jüngsten Schwester Susannne. Die Gruppe erweiterte sich im April 1927 um einen wöchentlichen Lese- und Ausspracheabend für ältere Kinder in der Bonhoefferschen Wohnung, der ein anspruchsvolles Kulturprogramm bot. Neben Opern- und Konzertbesuchen standen kleinere von den Teilnehmern gehaltene Vorträge auf dem Programm; Bonhoeffer selbst referierte über die katholische Kirche. Die enge Bindung der Kinder an ihn wird in den Briefen sichtbar, die sie ihm auch Jahre später noch nach Barcelona und New York schrieben. Als Bonhoeffer nach zwei Jahren Berlin verließ, um sein Vikariat in Barcelona  anzutreten, notierte er in sein Tagebuch: „Am nächsten ging mir wohl der Abschied aus der kirchlichen Arbeit“.

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Bereits im November 1927 war Bonhoeffer von seinem Superintendenten Max Diestel eine Vikariatsstelle in Barcelona angeboten worden. In seinem Reisetagebuch notierte er: „Damit schien sich die Verwirklichung eines Wunsches, der sich bei mir in den letzten Jahren und Monaten immer verstärkt hatte, nämlich einmal auf längere Zeit ganz hinaus aus meinem bisherigen Bekanntenkreis völlig auf eigenen Füßen stehen zu kommen, anzubahnen.“

Am 15.2.1928 traf er in Barcelona ein, um Fritz Olbricht, den dortigen Pfarrer einer deutschen Gemeinde, als Vikar zu unterstützen. Nach der akademischen Welt Berlins fand sich Bonhoeffer in dieser Gemeinde nun mit einem eher kleinbürgerlichen Milieu konfrontiert. Über die Beziehung zu dem Pfarrer bemerkte Bonhoeffer in seinem Tagebuch: „Wir haben uns das ganze Jahr  hindurch nie über eine theologische, geschweige denn religiöse Frage unterhalten. Wir blieben uns imgrunde fremd, aber hatten uns gegenseitig gern. Er hat mir alle Freiheit gelassen und dafür war ich ihm dankbar.“

Seine Arbeit in der Gemeinde bestand zum einen aus Gottesdiensten und Amtshandlungen; er hielt Predigten sowie drei Vorträge. Wie in Berlin widmete er sich begeistert und erfolgreich der Jugendarbeit, welche sowohl Kindergottesdienste als auch Hilfestellungen u.a. bei schulischen Problemen der Kinder umfasste. Daneben engagierte er sich sozial; er machte gewissenhafte Hausbesuche in der Gemeinde und leistete (über seine Eltern) auch monetäre Hilfe. Zudem hielt er jeden Vormittag eine Sprechstunde des „Deutschen Hilfsvereins“ ab, worüber er seinem Bruder Karl-Friedrich in einem Brief vom 7.7.1928 berichtete:

Brief Dietrich Bonhoeffers an seinen Bruder Karl-Friedrich vom 7.7.1928 aus Barcelona (Nachl. 299, A19,2(9))
Brief vom 7.7.1928

„[M]an bekommt einen Einblick in die mannigfachsten Arten zu leben und bekommt mit den merkwürdigsten Leuten zu tun, mit denen man sonst so leicht wohl nicht ein Wort gewechselt hätte: Weltenbummler, Vagabunden, geflüchtete Verbrecher, viel Fremdenlegionäre, Löwen- und sonstige Tierbändiger, die dem Circus Krone auf seiner Spanienreise durchgebrannt sind, deutsche Tänzerinnen auf hiesigen Varietébühnen, deutsche verfolgte Fememörder, die einem alle ihr Lebensschicksal bis ins Detail berichten; und es ist oft sehr schwer, nun hier nach eigenem Gutdünken zu geben und zu versagen“.

Obwohl Bonhoeffer die Stadt und das Land außerordentlich gefiel, bemerkte er kritisch im Brief vom 20.7.1928 an Reinhold Seeberg, ihm fehle „nur eines: der wissenschaftliche Gedankenaustausch, den man auch bei den spanischen Akademikern nicht findet, wo man ihn sucht.“ Als das Presbyterium Bonhoeffer im November 1928 fragte, ob er in Barcelona bleiben wolle, lehnte er ab. Er wollte noch nicht die Entscheidung für das kirchliche oder das akademische Amt treffen; diese sollte erst nach seiner Ordination und Habilitation fallen.

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Am 17.2.1929 traf Dietrich Bonhoeffer wieder in Berlin ein, wo er an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten begann. Bereits im Juli 1928 hatte er an Reinhold Seeberg geschrieben, er sei „in Gedanken schon bei einer anderen Sache, allerdings wieder nicht historisch, sondern systematisch.“ Als ihn sein Vater im Brief vom 18.12.1928 sanft zur Habilitation drängte („Harnack lässt Dich ausdrücklich durch mich grüßen und Dir sagen, Du sollst Dich möglichst bald habilitieren“), war er schon mitten in den Vorbereitungen.

Mit Beginn des Sommersemesters 1929 wurde Bonhoeffer auf Empfehlung Reinhold Seebergs Voluntärassistent am Seminar für systematische Theologie, welches Seebergs Ordinariatsnachfolger Wilhelm Lütgert unterstand. Damit war die für die Habilitation erforderliche Stelle gefunden. Seine Habilitationsschrift verfasste Bonhoeffer ab Sommer 1929 und legte sie schließlich im Februar 1930 der Fakultät zur Begutachtung vor. Sie trug den Titel Akt und Sein: Transzendentalphilosophie und Ontologie  in der systematischen Theologie und war - ähnlich wie die Dissertation - ein Versuch, gegenläufige Strömungen zusammenzuführen. Ebenso wie der Dissertation wurde diesem Werk wenig Aufmerksamkeit zuteil; gleichwohl erstellte Paul Althaus im Frühjahr 1931 ein positives Gutachten für die Aufnahme in die Reihe Beiträge zur Förderung christlicher Theologie. Bonhoeffer wurde am 18.7.1930 im Alter von 24 Jahren habilitiert; seine Antrittsvorlesung über Die Frage nach dem Menschen in der gegenwärtigen Philosophie und Theologie fand am 31.Juli statt.

Die Arbeit an der Habilitation ließ Bonhoeffer kaum Zeit für andere Betätigungen. Fünf Jahre später sollte er in einem Brief an Elisabeth Zinn vom 27.1.1936 rückblickend notieren: „Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer“. Der sich zuspitzenden politischen Lage begegnete er - wie er selbstkritisch in einem Brief vom 25.12.1932  an seinen Freund und ehemaligen Kommilitonen Helmut Rößler schrieb - mit „Desinteressement“.

Unter den spärlichen Dokumenten, welche aus dieser Zeit erhalten sind, befindet sich u.a. auch das Manuskript der vielbeachteten Gedächtnisrede, welche Bonhoeffer am 15.6.1930 zum Tode Adolf v. Harnacks hielt, dessen letztes Privatseminar er noch im Sommer besucht hatte.

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Union Theological Seminary, New York (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 5)
Union Theological Seminary, New York

Schon im Herbst 1929 kamen erste Pläne zu einer weiteren Auslandsreise auf. Bonhoeffers Superintendent Max Diestel riet ihm laut einem Empfehlungsschreiben vom 11.1.1930, „sich zunächst noch weiter in der Welt umzusehen“ und schlug hier insbesondere Amerika vor; Unterstützung kam auch von Adolf Deißmann sowie von Wilhelm Lütgert. Im Mai 1930 kam die Zusage für einen Studienplatz am Union Thelogical Seminary in New York.

Bonhoeffer, der sich von der amerikanischen Theologie nicht besonders viel erwartete, fand diese Einschätzung - laut einem Bericht an das Kirchenbundesamt - am Seminar z.T. bestätigt. Allerdings kam er genau zur richtigen Zeit ins Seminar: die Rezeption der Schriften Karl Barths hatte gerade begonnen und Bonhoeffer wurde schnell zu dessen vorderstem Verfechter; in John Baillies Seminar hielt er einen ausführlichen Vortrag über das Thema. Der Fokus der von Bonhoeffer belegten Seminare lag jedoch eher auf sozialpolitischen sowie ethischen Fragen. Letztere wurden von Reinhold Niebuhr behandelt, während in Harry F. Wards Seminar u.a. Prohibition, Arbeitslosigkeit sowie Weltpolitik thematisiert wurden; Bonhoeffers Literaturberichte zeugen von dem breiten Themenspektrum. Daneben besuchte Bonhoeffer auch Seminare und Vorlesungen zu kontemporärer amerikanischer Philosophie sowie Literatur.

Den größten Eindruck freilich hinterließen die Erfahrungen, die Bonhoeffer im Rahmen des von Charles C. Webber geleiteten Seminars Church and Community bei Führungen zu gesellschaftspolitischen Einrichtungen der Stadt gewann. Es wurden u.a. die National Women’s Trade Union League, das Worker’s Education Bureau of America und die American Civil Liberties Union besucht; Bonhoeffer war ebenso beeindruckt von der Art und Weise, wie Kirche und Verbände in der Social Gospel-Bewegung den Problemen des Proletariats entgegentraten, wie von der Opferbereitschaft der ehrenamtlich arbeitenden Studenten. Ein knappes Jahr später begann er selbst in Berlin in ähnlicher Richtung aktiv zu werden.

Neben diesen universitären Exkursen kam Bonhoeffer über seinen schwarzen Studienkollegen Albert Franklin Fisher mit der schwarzen Harlemer Gemeinde in Kontakt: er besuchte regelmäßig die Abyssinian Baptist Church, arbeitete dort in der Sonntagsschule und in Gemeindeclubs mit und lernte so das „wirkliche“ Leben in Harlem kennen.

Mitglieder des Union Theological Seminary, New York, 1931 (v.l.n.r.: Bonhoeffer, Klemm, Marion Lehmann, Paul Lehmann, Erwin Sutz) (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 5)
Mitglieder des Union Theological Seminary, New York, 1931

Bonhoeffer beschäftigte sich also zunehmend mit sozialen und politischen Fragen; ein weiterer wichtiger Einfluss war hier die Bekanntschaft mit dem französischen Mitstudenten Jean Lasserre, dessen christlich fundierter Pazifismus Bonhoeffer nachhaltig beeinflusste. Es entspann sich eine enge Freundschaft; die beiden unternahmen am Ende des gemeinsamen Amerikajahrs eine anderthalbmonatige Reise nach Mexiko und trafen sich danach bei ökumenischen Konferenzen u.a. in Fanø.

In  diesem Jahr gewann Bonhoeffer zwei weitere Freunde. Zum einen den Schweitzer Erwin Sutz, der unmittelbar nach dem Amerika-Jahr die erste Begegnung Bonhoeffers mit Karl Barth in Bonn anbahnte. Mit Sutz begann im Winter 1930/1931 ein umfangreicher Briefwechsel; Weihnachten verbrachten die beiden in Kuba. Ein weiterer Freund wurde der Amerikaner Paul Lehmann, der im Seminar an seiner Dissertation arbeitete und eine Assistentenstelle für systematische Theologie innehatte. Er war es, der Bonhoeffer 1939 kurz vor Kriegsbeginn nach Amerika einlud und versuchte, ihn im Land zu halten.

Die Lage in Deutschland

Trotz seiner zeitraubenden Aktivitäten nahm Bonhoeffer mittels lebhafter Korrespondenz Anteil am Geschehen zu Hause. So unterrichtete sein Vater ihn im Brief vom 20.3.1931 über die Lage in Deutschland:

„Das Hauptübel ist die Armut und Arbeitslosigkeit. Daß es überhaupt möglich war, mit 5 Millionen Arbeitsloser durch den Winter zu kommen, kann man schon als Leistung der Regierung buchen. Ich hoffe immer, daß das Frühjahr mit der Besserung der Arbeitsverhältnisse etwas von der Spannung nimmt.“

Sein Bruder Klaus bestätigte die politischen Veränderungen nach der Septemberwahl im Brief vom 3.11.1930:

„Politisch hat sich ja seit deiner Abreise die Situation sehr verändert. Der Erfolg des Nationalsozialismus hat die weitesten Kreise davon überzeugt, daß das demokratische Regime in den letzten 10 Jahren versagt hat. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise werden mit innenpolitischen Gründen  erklärt. Man liebäugelt mit dem Faschismus. Ich fürchte, wenn diese Welle sich der Gebildeten bemächtigt, ist es um das Volk der Dichter und Denker geschehen.“

Auch Bonhoeffers Freund Helmut Rößler berichtete im Brief vom 22.2.1931 von der unerwartet weit fortgeschrittenen Fanatisierung der Landbevölkerung. 

Neben Mitteilungen zur politischen Lage erreichten Bonhoeffer auch Neuigkeiten von der Universität und der Kirche. Erstere hielt eine Assistentenstelle am Seminar für systematische Theologie für ihn bereit, letztere versuchte ihn - wie aus einem Brief der Mutter vom 23.2.1931 zu erfahren ist - für eine Studentenseelsorgestelle an der Technischen Hochschule zu gewinnen. In Anbetracht der zwei Ämter, die ihn nun erwarteten, verwarf Bonhoeffer den schon seit Barcelona gehegten und in Amerika konkretisierten Plan einer Indienreise und betrat Ende Juni 1931 das Schiff zurück nach Deutschland.

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Bevor sich Bonhoeffer in sein Doppelamt begab, standen noch zwei kurze Reisen bevor. Zunächst reiste er Ende Juli 1931 nach Bonn, um endlich den dort lehrenden Karl Barth persönlich zu treffen. Barth empfing den ihm damals unbekannten Bonhoeffer freundlich; in einem Brief vom 24.7.1931 an Erwin Sutz, der das Treffen mit Barth in die Wege geleitet hatte, äußerte Bonhoeffer seine Freude über die nun stattfindende direkte Auseinandersetzung:  „Ich habe, glaube ich, selten eine unterlassene Sache in meiner theologischen Vergangenheit so bereut, wie daß ich nicht früher hingegangen bin“, merkte jedoch an, dass (v.a. im Bereich Ethik) die Positionen der beiden weit auseinander lägen. Mit diesem Treffen begann ein sporadischer Briefwechsel zwischen den beiden, in welchem die Bonner Diskussionen fortgesetzt wurden.

Weltbund

Management Committee des Weltbundes vom 19.-22. August 1932 in Genf. Sitzend 4.v.l. Henriod (Genf), 6.v.l. Dickinson (London), Ammundsen (Dänemark), ganz r. Richter (Berlin). Mittlere Reihe 8.v.l. Siegmund-Schultze (Berlin), 13.v.l. Maas (Heidelberg). Obe
Weltbundbüro, Genf, August 1932

Nach der Reise nach Bonn stand eine weitere an. Mit Unterstützung von Superintendent Diestel nahm Bonhoeffer als Mitglied der deutschen Jugenddelegation an der Jahrestagung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen am 1.-5. September 1931 in Cambridge teil. Dort wurde er zu einem der drei europäischen Jugendsekretäre und Mitglied des Rates ernannt und war von nun an in der ökumenischen Bewegung aktiv beteiligt. Hier ging es Bonhoeffer v.a. um zwischenkirchliche Beziehungen zum Ausland, insbesondere um die seit dem ersten Weltkrieg zerrüttete Beziehung zur französischen Kirche.

Die Konferenz selbst war ein Erfolg, wenngleich Bonhoeffer - hier die Forderung eines indischen Teilnehmers aufnehmend - sich konkretere Aussagen gewünscht hätte: „darüber nämlich, wie die Kirche sich nun wirklich stellen wolle, wenn es noch einmal zu einer Katastrophe käme“. Trotzdem vermerkte er im Bericht zu der Tagung zum Weltbund: „In aller Kritik aber blieb es deutlich, daß die Weltbundarbeit langsam aber sicher fortschreitet und ein Werk tut, dessen Dringlichkeit heute jedem auf der Seele brennen muß“. Bereits ein halbes Jahr später allerdings musste Bonhoeffer auf der Kommissionssitzung in London berichten: „Die Ergebnisse der Cambridgekonferenz in Deutschland sind gering, weil nationalistische Theologieprofessoren die Arbeit des Weltbundes bekämpfen.“ Den Ökumenikern wurde in den kommenden Jahren sehr zugesetzt, ihnen wurden „Internationalismus“ und pazifistische Tendenzen vorgeworfen und schon 1932 wurde die deutsche Jahresversammlung abgesagt. 1933 schließlich wurden Gäste und Delegierte aus politischen Gründen wieder ausgeladen. Auf nationaler Ebene kam so die Arbeit des Weltbundes zum Erliegen.

Zwischen den beiden Reisen verfasste Bonhoeffer gemeinsam mit Franz Hildebrandt, einem befreundeten Theologen jüdischer Herkunft, einen lutherischen Katechismus des Titels Glaubst du, so hast du.

Dozentur

Dietrich Bonhoeffer mit seinen Berliner Studenten auf einer Freizeit in Prebelow, 1932 (vorn 2.v.l. A. Schöhnherr, Chr. Harhausen, R. Rütenik, Hilde Pfeiffer; mittlere Reihe K. Vogt, Frl. Hoffmann, D. Bonhoeffer, Helga Zimmermann; obere Reihe Inge Zimmerm
Bonhoeffer mit Berliner Studenten, Prebelow,  1932

Ab dem ersten August 1931 war Bonhoeffer an der Universität offiziell doppelt beschäftigt. Zum einen berechtigte ihn seine Habilitation zur Lehre, wenngleich er als Privatdozent eine eher unsichere Einkommensquelle hatte. Zum anderen bekam er durch die Assistentenstelle am Systematischen Seminar einen festen Vertrag, hatte gleichzeitig aber keine weiteren Verpflichtungen; Lütgert, der Ordinarius, ließ ihm alle Freiheiten.

So konnte Bonhoeffer sich in den folgenden zwei Jahren ganz der Lehre widmen. Seine eigenen Unterlagen zu den Vorlesungen und Seminaren gelten als verschollen; es sind jedoch zahlreiche Nachschriften seiner Studenten vorhanden, die Rückschlüsse auf den Umgang mit den Themen zulassen. Er las im Wintersemester 1931/32 die Geschichte der systematischen Theologie des 20. Jahrhunderts und hielt das Seminar Die Idee der Philosophie und die protestantische Theologie, wovon leider keine Nachschrift, sondern lediglich ein Thesenfragment erhalten ist. Im Sommersemester 1932 las er Das Wesen der Kirche und hielt das Seminar Gibt es eine christliche Ethik?. Das Wintersemester 1932/33 bestand aus zwei Vorlesungen und einem Seminar. Die erste Vorlesung, Schöpfung und Sünde, wurde auf Drängen seiner Studenten unter dem Titel Schöpfung und Fall gedruckt; die Publikation bestand aus Bonhoeffers Vorlesungsmanuskript, für das er lediglich eine neue Einleitung schrieb. Die zweite Vorlesung fand unter dem Titel Besprechung systematisch-theologischer Neuerscheinungen statt; das Seminar hieß Dogmatische Übungen: Probleme einer theologischen Anthropologie Im Sommersemester 1933 las er Christologie und hielt das Seminar Dogmatische Übungen: Religionsphilosophie bei Hegel; auch hiervon ist nur ein Fragment erhalten. Dieses letzte Semester gilt als der Höhepunkt von Bonhoeffers akademischer Karriere; für das folgende Wintersemester kündigte er noch zwei Vorlesungen und ein Seminar an, die er jedoch aufgrund seines Londonaufenthaltes nicht mehr halten konnte.

Bonhoeffer konnte während seiner Dozentur trotz seiner mangelnden Lehrerfahrung und seiner Jugendlichkeit (er war zu Beginn 25 Jahre alt) einen festen Stamm von Studenten um sich sammeln, die die intellektuellen Ansprüche Bonhoeffers ebenso wie seine politische Unabhängigkeit zu schätzen wussten. 1932 bildete sich daraus der „Bonhoefferkreis“, eine Gruppe von Studenten, die gemeinsam Seminare besuchte, offene Abende und Ausflüge veranstaltete und dabei theologische Fragen diskutierte. Aus diesem Kreis gingen eine Reihe von Freundschaften sowie Mitstreiter im Kirchenkampf und Mitträger des Finkenwalder Bruderhauses hervor; viele trugen maßgeblich zur Bildung der oppositionellen Bruderschaft junger Theologen Berlin-Brandenburgs bei.

Pfarramt

Dietrich Bonhoeffer mit Konfirmanden im Harz, 1932 (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 6)
Dietrich Bonhoeffer mit Konfirmanden im Harz, 1932

Zeitgleich mit den ersten Wochen der Lehrtätigkeit an der Fakultät wurde Bonhoeffer am 15. November 1931 in der Matthäuskirche ordiniert. Die notwendigen Prüfungen hatte er bereits ein Jahr früher abgelegt, war damals jedoch noch zu jung für die Ordination. Nun musste er vor seiner Anstellung als Pfarrer noch ein Hilfsdienstjahr als Stadtvikar in Berlin verrichten; dieses sollte, wie schon vor seiner Rückkehr aus Amerika besprochen, aus der seelsorgerischen Tätigkeit im Studentenpfarramt an der Technischen Hochschule in Charlottenburg bestehen. Der Arbeit war jedoch kein Erfolg beschieden. Zwar organisierte Bonhoeffer gemeinsam mit Hanns Lilje, dem Generalsekretär der DCSV (Deutsche Christliche Studentenvereinigung), eine kleine Vortragsreihe, in der er unter dem Titel Das Recht auf Selbstbehauptung die biologische Anschauungsweise der Nationalsozialisten diskutierte und hielt auch einige Andachten. Jedoch schätzte er selbst in seinem Abschlussbericht die dortigen Wirkungsmöglichkeiten als äußert gering ein. Das Studentenpfarramt gab ihm jedoch immerhin die Möglichkeit zu Predigten, die er in der Dreifaltigkeitskirche in Berlin-Mitte abhielt und in denen er - zwar direkte Bezüge zur Politik vermeidend - vor der drohenden Gefahr durch die Nationalsozialisten warnte. In einer Predigt vom 24. Juli 1932 (also eine Woche vor der Reichtagswahl, bei der die NSDAP erstmals stärkste Partei wurde) hieß es:

„Es ist gegenwärtig nicht schwer, von der Freiheit zu reden, und zwar so davon zu reden, daß die Leidenschaften eines Deutschen aufwachen und alles in ihm erbeben lassen, ihn alles andere vergessen lassen. Es mag im heutigen Deutschland manche geben, die wie einst die gefangenen Israeliten, tief in sich versunken von nichts anderem träumen als von der Freiheit, die in großen Visionen ihr Bild sehen und nach ihm greifen, bis sie erwachen und das Bild zerrinnt. Jawohl, es ist heute leicht, von der Freiheit so zu reden.“

Zeitgleich mit dem Beginn des Studentenpfarramts übernahm Bonhoeffer auf Weisung des Konsistoriums eine Konfirmandenklasse in der Zionsgemeinde. Die anfangs schwer zur Räson zu bringenden Konfirmanden des sozial schwachen Bezirks waren von Bonhoeffer schnell begeistert, zumal er sich eine Wohnung im gleichen Viertel nahm und ihnen gestattete, ihn jederzeit zu besuchen. Darüberhinaus unternahm er Wochenendausflüge mit ihnen, beschenkte sie zu Weihnachten und stand ihnen bei Problemen bei; als im Frühjahr 1932 mit der Konfirmation der offizielle Auftrag beendet war, schrieb er im Brief vom 28.2.1932 an Erwin Sutz: „Der Unterricht selbst war so, daß ich mich kaum trennen kann.“ Für die folgende Zeit hatte er auch schon detaillierte Pläne, wie er an Sutz am 17.5.1932 berichtete:„Ich habe außerhalb Berlins ein 9 Morgen großes Stück Land gepachtet und stelle mir ein kleines Holzhaus darauf. Da will ich mein Wochenende mit Konfirmanden und Studenten verbringen.“ Mit dieser Hütte in Biesenthal fanden nicht nur die Konfirmanden, sondern auch der Bonhoefferkreis einen neuen Zusammenkunftsort.

Im Herbst 1932 begann für Bonhoeffer ein weiteres soziales Projekt: in Charlottenburg wurde eine Jugendstube eingerichtet, die arbeitslosen Jugendlichen einen „geheizten Tagesraum[] verbunden mit nützlicher, möglichst berufsvorbereitender Beschäftigung“ (so Bonhoeffer in einem Brief vom 23.10.1932 an Hans Brandenburg) bieten sollte. Diese Einrichtung währte freilich nicht lange: nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 musste Anneliese Schnurmann, die Mäzenin jüdischer Herkunft des Projekts, Deutschland verlassen, die kommunistischen Angehörigen der Jugendstube sahen sich Anfeindungen ausgesetzt; schließlich musste die Stube schließen.

Bonhoeffer war nach den Erlebnissen dort sowie nach der Zeit mit den Konfirmanden davon überzeugt, sein nun nach der Beendigung des Hilfsdienstjahres anstehendes Pfarramt am sinnvollsten im sozial schwachen Berliner Osten ausüben zu können. Am 12.1.1933 schrieb er seinem Bruder Karl-Friedrich: „Augenblicklich bin ich in ziemlich folgenschweren Überlegungen, ob ich Ostern ein mir hier vermutlich angeboten werdendes Pfarramt im Osten, am Friedrichshain, übernehmen soll.“ Tatsächlich bewarb sich Bonhoeffer um das Amt, wurde aber von der Gemeindevertretung zugunsten eines älteren, erfahreneren Kandidaten abgelehnt.

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Das Jahr 1933 war politisch geprägt von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar und der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die Stellung der Kirche zum Nationalsozialismus und dessen Gesetzen wurde für Bonhoeffer das zentrale Thema. Er verließ endgültig seinen akademischen Schutzraum und trug seine Bedenken und Positionen an die Öffentlichkeit.

Ein erster Schritt war sein Radiovortrag Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation, der sich nur zwei Tage nach Hitlers umjubeltem Einzug in die Reichskanzlei kritisch mit dem Führerkult auseinandersetzte. Die Ausstrahlung des Vortrags wurde kurz vor Schluss wegen der Überschreitung der Sendezeit abgebrochen und so die Kritik entschärft, was Bonhoeffer dazu veranlasste, seinen Bekannten eine Erklärung und vollständige Version zuzusenden.

In seiner ersten Predigt nach der Machtübernahme am 26.2.1933 wurde er deutlicher mit seiner Kritik, die sich nun gegen die dem Nationalsozialismus allzu beflissen ihre Türen öffnende Kirche richtete:

„Wir haben in der Kirche nur einen Altar, und das ist der Altar des Allerhöchsten [...]. Wir haben keine Nebenaltäre für Menschenverehrung. Gottesdienst nicht Menschendienst, das geschieht hier am Altar der Kirche. Wer etwas anderes will als dies, der bleibe fern, der kann nicht mit uns im Hause Gottes sein [...]. Wir haben in der Kirche auch nur eine Kanzel, und von dieser Kanzel aus wird vom Glauben an Gott geredet und sonst von keinem Glauben, und keinem noch so guten Willen.“

Bonhoeffer bezog sich in den Predigten dieser Zeit immer wieder auf politische Ereignisse; er formulierte seine Kritik allerdings nie direkt.

Nach dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar verschärften sich mit Hitlers Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat die Repressionen gegen Regimekritiker. Auch Bonhoeffer musste vorsichtiger sein; einen Brief vom 14.4.1933 an Erwin Sutz  beendete er mit den Worten: „Daß ich heute nicht mehr über die hiesigen Verhältnisse schreibe, liegt daran, daß, wie Sie wissen, das Briefgeheimnis zur Zeit nicht gilt.“

Die Kirche vor der Judenfrage

Die zunehmenden Ausschreitungen gegen Juden und Kommunisten führten zunächst in den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Die NSDAP gab die Anweisung, jeder Deutsche mit Kontakten zum Ausland habe zu verbreiten, dass in Deutschland alles in Ordnung sei und das Volk nur friedlich seiner Arbeit nachgehen wolle. Viele hochrangige Ökumeniker verhielten sich wunschgemäß und beteuerten ihren Kontakten im Ausland gegenüber eben dies; hatte die Heimtückeverordnung vom 21. März doch schließlich Äußerungen verboten, die das Ansehen der Regierung schädigten. Mit dem Arierparagraph vom 7. April, der „Nichtarier“ von bestimmten Berufen ausschloss, gewann die Repression eine neue Qualität.

Bonhoeffer unternahm vor dem Hintergrund dieser Ereignisse zweierlei: zum einen beriet er mit seinem Bruder Klaus und mit Paul Lehmann, seinem Freund vom Union Theological Seminary, der ihn samt seiner Frau besuchte, wie man in Amerika u.a. den ihm bekannten Chiefrabbi der USA, Rabbi Wise, von den wahren Vorgängen unterrichten könnte.

Zum anderen verfasste er den Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage, der bereits am 15.4.1933 fertiggestellt war und in der Juniausgabe des Vormarsch veröffentlicht wurde. Im Umgang mit den Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung sah Bonhoeffer eine Bewährungsprobe für die Kirche, welche sich schwer tat, eine Linie zu finden: „Auch die Judenfrage macht der Kirche sehr zu schaffen, und hier haben die verständigsten Leute ihren Kopf und ihre Bibel gänzlich verloren“, schrieb er im Brief vom 14.4.1933 an Sutz.

In seinem Aufsatz stellte Bonhoeffer klar: „Vielmehr ist es Aufgabe christlicher Verkündigung zu sagen: hier, wo Jude und Deutscher zusammen unter dem Wort Gottes stehen, ist Kirche, hier bewährt es sich, ob Kirche noch Kirche ist, oder nicht.“ Er formulierte weiterhin drei Thesen zu den Aufgaben kirchlicher Verantwortung. Erstens habe die Kirche den Staat zu fragen, „ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne, d.h. als Handeln, in dem Recht und Ordnung, nicht Rechtlosigkeit und Unordnung, geschaffen werden. [...] Sie wird diese Frage heute in bezug auf die Judenfrage in aller Deutlichkeit stellen müssen.“ Zweitens sei die Kirche „den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören.“ Diese beiden Aufgaben müsse die Kirche nun anpacken: „In der Judenfrage werden für die Kirche heute die ersten beiden Möglichkeiten verpflichtende Forderungen der Stunde.“ Die dritte Aufgabe war die heikelste: „Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ Die Entscheidung über einen solchen aktiven politischen Akt der Kirche habe ein „evangelische[s] Konzil“ zu treffen.

Dass sich Bonhoeffer als einer der ersten mit dieser Problematik auseinandersetzte, hatte auch persönliche Gründe: sein Schwager Gerhard Leibholz, der Mann seiner Zwillingsschwester Sabine, und Franz Hildebrandt, sein langjähriger Freund und Mitpfarrer, waren beide jüdischer Herkunft.

Kirchenkampf I

In diesem Frühjahr begann der Kirchenkampf, bei dem sich der zunehmend dem NS-Regime zuwendenden Evangelischen Kirche eine kirchliche Opposition entgegenstellte. Streitpunkte waren - neben konfessionellen Fragen - etwa die Einführung des „Führerprinzips“, die Zusammenfassung der einzelnen Landeskirchen zu einer „Reichskirche“, sowie insbesondere die Frage nach der „Artgemäßheit“ (also der Einführung des Arierparagraphen in die kirchliche Arbeit). Die 1932 gegründeten nationalsozialistischen Deutschen Christen, die mehr und mehr an Zustimmung und Einfluss gewannen, bildeten hierbei den einen Pol; die oppositionelle Jungreformatorische Bewegung den anderen. 

Am 23. Juli gewannen die Deutschen Christen eine hastig anberaumte und manipulierte Kirchenwahl - dank einer Wahlempfehlung Hitlers - mit überwältigender Mehrheit. Dietrich Bonhoeffer und Gerhard Jacobi, der eine der Gruppen der „Jungreformatorischen Bewegung“ vertrat, kamen bei der Wahlvorbereitung erstmals in Kontakt mit der Gestapo, die die Flugblätter und Wahllisten der Jungreformatoren beschlagnahmte. Es gelang den beiden unter dem Hinweis auf Wahlbehinderung, den Leiter der Gestapo zur Rückgabe zu bewegen; die Gefährdung  wurde jedoch sichtbar. Bonhoeffer schrieb dem befreundeten Ökumeniker Friedrich Siegmund-Schultze als Antwort auf Gerüchte am 6.11.1933 einen Brief in die Schweiz: „Im Konzentrationslager bin ich allerdings nicht gewesen, wenn mir auch von höchster polizeilicher Stelle gemeinsam mit einem Amtsbruder bei Gelegenheit der Kirchenwahlen dieser Ort in Aussicht gestellt worden ist.“ Die Deutschen Christen dominierten auch die altpreußische Generalsynode, die Anfang September 1933 in Berlin abgehalten wurde. Hier wurde beschlossen, den Arierparagraphen auch in der Kirche anzuwenden; ein Beschluss, der von der Wittenberger Nationalsynode am 27. September nicht zurückgenommen wurde.

Bonhoeffer engagierte sich in vielerlei Hinsicht gegen die Deutschen Christen. Er sprach bei einer oppositionellen studentischen Kampfversammlung am 22. Juni,  verteilte Flugblätter vor den Synoden und verfasste gemeinsam mit Hermann Sasse und anderen im August das Betheler Bekenntnis, welches die Deutschen Christen zu eindeutigen Aussagen zu ihrer Lehre und den Unterschieden zur reformatorischen Lehre zwingen sollte. Bonhoeffers Mitarbeit wurde jedoch durch seinen Londonaufenthalt unterbrochen; zudem wurde der Text durch verschiedene Gutachter derartig verwässert, dass Bonhoeffer und Sasse später der veröffentlichten Fassung ihre Unterschrift verweigerten. Von weitaus größerem Einfluss war das Protestschreiben an die Kirchenregierung, welches Bonhoeffer gemeinsam mit Martin Niemöller am 7.9.1933 an Friedrich von Bodelschwingh sandte. Hintergrund war die Verabschiedung des Arierparagraphens auf der altpreußischen Generalsynode; Bonhoeffer plädierte unmittelbar nach deren Beendigung gemeinsam mit Hildebrandt im Kreis der Oppositionellen für Amtsniederlegungen, konnte jedoch für das Schisma keine weiteren Anhänger finden. Es wurde beschlossen, die Wittenberger Nationalsynode abzuwarten und unterdessen Unterstützer für eine gemeinsame Erklärung der oppositionellen Pfarrer zu gewinnen. Das o.g. Bonhoeffersche Protestschreiben wurde abgemildert (so fiel etwa der Satz weg: „Wer einem solchen Bruch des Bekenntnisses [d.h. der Aufnahme des Arierparagraphens in kirchliches Recht] seine Zustimmung gibt, schließt sich damit selbst aus der Gemeinschaft der Kirche aus.“), erweitert und als Selbstverpflichtungsformular samt des (ebenfalls auf dem Protestschreiben von Bonhoeffer und Niemöller basierenden) Aufrufs „An die Nationalsynode“ an deutsche Pfarrer verschickt.

In dem Aufruf wurde, so Bonhoeffer in einem Brief vom 9.9.1933 an Karl Barth, erklärt, „daß mit dem Arierparagraphen sich die evangelische Kirche der Altpreußischen Union von der Kirche Christi getrennt hat“. Der Aufruf traf auf eine überraschend große Resonanz; bei der Nationalsynode Ende September hatten schon 2000 Pfarrer zugestimmt, bis zum Jahresende 6000. Der Pfarrernotbund war geboren. Seine Mitglieder verpflichteten sich zur neuen Bindung an Schrift und Bekenntnis, zum Widerstand gegen ihre Verletzung, zum finanziellen Hilfsversprechen für durch Gesetz und Gewalt Betroffene sowie zur Ablehnung des Arierparagraphen. Trotz der Proteste äußerte sich die Nationalsynode in Wittenberg am 27. September weder zum Aufruf der 2000 Pfarrer noch zum Arierparagraphen; dieser blieb also gültig. Die Enttäuschung über die Kirche, insbesondere die schweigenden noch nicht betroffenen Landeskirchen ließen Bonhoeffer und Hildebrandt kurz erwägen, zur Freikirche überzutreten; beide sollten sich schließlich der Bekennenden Kirche anschließen.

Bereits im Juli war Bonhoeffer eine Stelle in London in zwei deutschen Gemeinden als Nachfolger des Pfarrers Singer angetragen worden; er schrieb im Brief vom 17.7.1933 an Erwin Sutz:

„Meine persönliche Zukunft wird in der nächsten Zeit vielleicht eine entscheidende Wendung bringen. Man hat mir vorgeschlagen als deutscher Pfarrer mit Sonderauftrag für ökumenische Arbeit nach London zu gehen. Ich überlege mir das sehr, und ich glaube nämlich, daß gerade bei all den Möglichkeiten, die man hier für die Kirche in Erwägung ziehen muß, eine enge Fühlungsnahme mit den englischen Kirchen gegebenenfalls von ganz großer Wichtigkeit sein kann.“

Seine Entscheidung fiel endgültig im August vor dem Hintergrund der enttäuschenden Ergebnisse seiner Arbeit am Betheler Bekenntnis. Angesichts der bevorstehenden Synoden verschob er aber seine Abreise bis Mitte Oktober. Franz Hildebrandt, der ein Angebot zur Mitarbeit beim Pfarrernotbund wegen dessen kurz zuvor geäußerter Zustimmung zum Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund  ablehnte, folgte ihm etwas später.

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Bischof George Bell (l.), Franz Hildebrandt (m.) u. (?) vor St. Martin’s in the Field, London, nach dem Fürbitte-Gottesdienst f. Martin Niemöller, 1.Juli 1941 (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 7)
Bell und Hildebrandt in London, 1941

Ab Mitte Oktober 1933 wohnte Bonhoeffer gemeinsam mit Franz Hildebrandt, der schon im Januar 1934 wieder nach Berlin zurückkehrte, um den suspendierten Niemöller zu vertreten, im Londoner Vorort Forest Hill. Dort betreute er zwei Gemeinden, Sydenham und St. Paul; von seiner Tätigkeit als Pfarrer sind mehrere Predigten und Ansprachen erhalten geblieben. Neben der Gemeindearbeit widmete er sich aber vor allem einerseits den kirchlichen Vorgängen in Deutschland, andererseits der ökumenischen Arbeit, in der er zunehmend an Einfluss gewann. Dies war nicht zuletzt dem von Bonhoeffer mitunterzeichneten Wittenberger Aufruf der 2000 Pfarrer geschuldet, der in der englischen Presse ausführlich besprochen wurde.

Kirchenkampf II

Seine Entscheidung, nach London zu gehen, begründete Bonhoeffer im Brief vom 24.10.1933  an Karl Barth:

„Wenn man überhaupt in solchen Entscheidungen nachher ganz bestimmte Gründe ausfindig machen will, so war, glaub ich, einer der stärksten, daß ich mich den Fragen und Ansprüchen, die an mich herantraten, einfach innerlich nicht mehr gewachsen fühlte. Ich fühlte, daß ich mich unbegreiflicherweise gegen alle meine Freunde in einer radikalen Opposition befände, ich geriet mit meinen Ansichten über die Sache [v.a. den Arierparagraphen und das Schisma] immer mehr in die Isolierung, obwohl ich persönlich in nächster Beziehung mit diesen Menschen stand und blieb - und das alles machte mir Angst, machte mich unsicher, ich fürchtete, daß ich mich aus Rechthaberei verrennen würde - und dabei sah ich garkeinen Grund dafür, daß ich jetzt gerade diese Dinge richtiger und besser sehen sollte, als so manche ganz tüchtige und gute Pfarrer, zu denen ich einfach aufsehe - und so dachte ich, es wäre wohl Zeit, für eine Weile in die Wüste zu gehen und einfach Pfarrarbeit zu tun, so anspruchslos wie irgendmöglich. Die Gefahr, in der gegenwärtigen Stunde eine Geste zu machen, schien mir größer als die, sich in die Stille zu begeben.“

Barth forderte ihn im Antwortbrief vom 20.11.1933 auf, „nur das Eine [zu] bedenken, daß Sie ein Deutscher sind, daß das Haus Ihrer Kirche brennt, daß Sie genug wissen und was Sie wissen gut genug zu sagen wissen, um zur Hilfe befähigt zu sein und daß Sie im Grunde mit dem nächsten Schiff auf Ihren Posten zurückkehren müßten!“ Bonhoeffer sandte diesen Brief an seine Eltern weiter; der Vater gab daraufhin im Brief vom 22.12.1933 zu bedenken: „Ich denke mir, es hat auch seinen großen Wert, die Dinge von außen her zu sehen und von dort aus zu beeinflussen und vor allem auch sich für einen geeigneten Zeitpunkt aufzusparen.“ Bonhoeffer selbst schien auch zu zweifeln, ob dies tatsächlich die richtige Zeit zum Handeln und die Jungreformatorische Bewegung oder der Pfarrernotbund die richtige Antwort auf die Lage der Kirche sei. So schrieb er am 28.4.1934 an Erwin Sutz über den Kirchenkampf:

„Es geht ja schon längst nicht mehr um das, um das es dort zu gehen scheint; die Fronten liegen ja ganz wo anders. Und obwohl ich mit vollen Kräften in der kirchlichen Opposition mitarbeite, ist es mir doch ganz klar, daß diese Opposition nur ein ganz vorläufiges Durchgangsstadium zu einer ganz anderen Opposition ist, und daß die Männer dieses ersten Vorgeplänkels zum geringsten Teil die Männer jenes zweiten Kampfes sind.“

Er zog allerdings hierbei politische oder gar gewaltsame Interventionen noch keineswegs in Betracht, eher orientierte er sich am gewaltlosen Widerstand Gandhis: „Einfaches erleiden - darum wird es dann gehen, nicht Fechten, Hauen, Stechen, - [...] der eigentliche Kampf, zu dem es vielleicht erst später kommt, muß einfach ein glaubendes Erleiden sein und dann, dann vielleicht wird sich Gott wieder zu seiner Kirche mit seinem Wort bekennen“.

Bonhoeffer stand in engem (auch telefonischem) Kontakt mit den Berliner Oppositionellen und versuchte gemeinsam mit Hildebrandt per Brief oder Telegramm auf die dortigen Ereignisse Einfluss zu nehmen. Nach dem Eklat der Sportpalastkundgebung der Deutschen Christen am 13.11.1933, in der zum allgemeinen Entsetzen die Abkehr vom Alten Testament gefordert wurde, sah sich die Opposition gestärkt, konnte jedoch (auch aufgrund interner Differenzen) daraus kaum Kapital schlagen. Als bekannt wurde, dass Hitler den von ihm eingesetzten und von der  Opposition scharf abgelehnten Reichsbischof Ludwig Müller im Januar 1934 empfangen würde, um über dessen weiteres Schicksal zu entscheiden, versuchte die Opposition, Einfluss auf diese Entscheidung zu nehmen. Müller hatte kurz zuvor, am 20.12.1933, eigenmächtig die christliche Jugend in die Hitlerjugend eingegliedert und so zusätzliche Antipathien geweckt. Bonhoeffer sandte gemeinsam mit anderen Londoner Pfarrern der deutschen Gemeinde am 15.1.1934 einen Brief, von dem auch Hitler eine Abschrift erhielt, an den Reichspräsidenten Hindenburg: „Wir beschwören Sie, Herr Reichspräsident, die furchtbar drohende Gefahr um der Einheit der Kirche und des Dritten Reiches willen [...] in letzter Stunde zu bannen. Solange Reichsbischof Müller im Amt bleibt, besteht stündlich die Gefahr der Loslösung.“

Bell

Unterstützung kam hierbei auch von George Kennedy Allen Bell, dem Bischof von Chichester, der in seiner Funktion als Präsident des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum ebenfalls einen Brief an Hindenburg und zusätzlich eine Anfrage an Ludwig Müller richtete. Bell hatte Bonhoeffer über die gemeinsame Weltbundarbeit und auf Vermittlung von Henry Louis Henriod, dem Generalsekretär des Weltbundes, kennengelernt. Henriod schrieb Anfang Oktober 1933 an Bell über Bonhoeffers Auftreten bei der Weltbundtagung in Sofia im September: „one of the most promising young men in Germany, who spoke freely to us and made a deep impression on us all“. Die beiden kamen unmittelbar nach Bonhoeffers Eintreffen in London in Kontakt und begannen einen umfangreichen Briefwechsel. Bonhoeffer bewegte Bell dazu, sich für die Opposition gegen die Reichskirche einzusetzen; die Eingabe an Hindenburg war eines der Ergebnisse dieser Bemühungen. Trotzdem die oppositionelle Intervention gegen den Reichsbischof keinen Erfolg brachte, war die Reichskirche angesichts der Position der Londoner Auslandsgemeinden beunruhigt und sandte Anfang Februar den Auslandsreferenten Bischof Heckel dorthin, die Lage zu beruhigen. Die Verhandlungen verliefen erfolglos; die von Heckel geforderte Loyalitätserklärung zum Reichsbischof wurde von Bonhoeffer und den anderen Pfarrern abgelehnt.

Einen knappen Monat später wurde Bonhoeffer zu Heckel für eine Aussprache nach Berlin zitiert. In einem Brief vom 28.4.1934 an Erwin Sutz berichtete Bonhoeffer, Heckel habe von ihm verlangt, „sich von nun an jeglicher ökumenischen Betätigung zu enthalten“. Bonhoeffer lehnte dies im Brief vom 18.3.1934 an Heckel ab; er könne „einen Revers, wie Sie von mir wünschten, nicht unterschreiben [...], weil ich auch keinen zwingenden Grund einsehen kann, der mich von dieser rein kirchlich-theologischen ökumenischen Arbeit, der ich mich seit Jahren verpflichtet fühle, entbinden könnte.“

Loslösung

Nach wie vor sah Bonhoeffer zu einem Bruch mit der Reichskirche keine Alternative. Er wandte sich gegen vor einem solchen Schritt warnende Stimmen und verlangte auch von der Ökumene eine eindeutige Stellungnahme. Im Brief vom 7.4.1934 an Henriod bemängelte er die Zögerlichkeit des Weltbundes:

„Ich hätte ja sehr gern wieder mit Ihnen über die Lage gesprochen, da ich die Langsamkeit des ökumenischen Handelns allmählich nicht mehr für verantwortlich halte. Man muß sich eben einmal entscheiden und kann nicht ewig auf ein Zeichen vom Himmel warten, das einem plötzlich die Lösung der Schwierigkeiten in den Schoß fallen lässt. [...] ‚Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht‘, glauben heißt aber sich entscheiden. Und in welcher Richtung die Entscheidung zu gehen hat, kann denn darüber überhaupt noch ein Zweifel sein? Bekenntnis - heißt es heute in Deutschland, Bekenntnis heißt es heute auch für die Ökumene. Weg mit der Angst vor diesem Wort - die Sache Christi ist auf dem Spiel, wollen wir schlafend gefunden werden?“

Neben Henriod wandte sich Bonhoeffer wieder an Bell, der unter Bonhoeffers Mitarbeit am 10.5.1934 einen Zirkularbrief an alle Mitglieder des Weltrates versandte, in dem er die Missstände in der deutschen Reichskirche anprangerte, insbesondere die „Führerstellung“ des Reichsbischofs: diese sei „without precedent in the history of the Church.“ Dies war eine wichtige Rückenstärkung für die Opposition, die in dieser Zeit im Begriff war, sich vollends von der Reichskirche zu lösen und eine neue Kirche zu gründen. Bonhoeffer bedankte sich bei Bell im Brief vom 15.5.1934: „My Lord Bishop, your letter has made a very great impression on me and on all my friends here who have read it. [...] [It] is a living document of ecumenic and mutual responsibility. I hope, it will help others to speak out as clearly as you did.“ In der Bekenntnissynode vom 29.-31.5.1934 in Barmen gründete sich schließlich die Bekennende Kirche; in der Barmer Erklärung wurden alle Formen der Lehre der Deutschen Christen als Häresie verworfen. Mit den Beschlüssen der Dahlemer Bekenntnissynode vom 20.10.1934 erhob sich die Bekennende Kirche zur einen legalen (evangelischen) Kirche in Deutschland und gab sich eigene Leitungsorgane und Strukturen.

Die Konferenz von Fanø

Ökumenische Konferenz auf Fanø, August 1934 (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 8)
Ökumenische Konferenz auf Fanø, August 1934
Manuskript zu Dietrich Bonhoeffers Rede 'Kirche und Völkerwelt', die er am 28.8.1934 auf der Konferenz von Fanö hielt. Seite 2. (Nachl. 299, A40,5(1))
Dietrich Bonhoeffers Rede "Kirche und Völkerwelt", Seite 2
Manuskript zu Dietrich Bonhoeffers Rede 'Kirche und Völkerwelt', die er am 28.8.1934 auf der Konferenz von Fanö hielt. Seite 3. (Nachl. 299, A40,5(1))
Dietrich Bonhoeffers Rede "Kirche und Völkerwelt", Seite 3

Den Sommer 1934 über widmete sich Bonhoeffer den Vorbereitungen der Konferenz des ökumenischen Weltbundes im dänischen Fanø, die Ende August stattfinden sollte. Es gelang ihm nicht nur, eine besondere Einladung Bells an zwei Vertreter der Bekennenden Kirche zu erwirken, sondern auch, die deutsche Delegation der der Hauptkonferenz vorgelagerten Jugendkonferenz fast ausschließlich mit seinen ehemaligen Studenten (die natürlich der Reichskirche fern standen) zu besetzen. Bonhoeffer selbst hatte auf der Konferenz eine Doppelfunktion: zum einen als Jugendsekretär, zum anderen als Delegierter der Bekenntniskirche. Da die zwei von Bell eingeladenen Vertreter angesichts der politischen Lage absagten, war Bonhoeffer der einzige Repräsentant der Bekennenden Kirche auf dieser Konferenz. Er war mit dem Vorsitz des zweiten Tages (28.8.1934) betraut, der unter dem Motto „Kirche und Völkerwelt“ stand. Hier hielt er zunächst bei der Morgenandacht die als seine „Friedensrede“ vielgerühmte Ansprache Kirche und Völkerwelt. Bonhoeffer predigte „christlichen Pazifismus“: Christen „können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, daß sie damit die Waffen auf Christus selbst richteten. Es gibt für sie in aller Angst und Bedrängnis des Gewissens keine Ausflucht vor dem Gebot Christi, daß Friede sein soll.“ Daneben hielt er einen Vortrag über Die Kirche und die Welt der Nationen, in dem er vor einem drohenden Krieg warnte. Ein ähnlich pazifistisches Signal war von der Jugendkonferenz ausgegangen, die in zwei Entschließungen die Unabhängigkeit der Kirche von nationalen Zielsetzungen forderte sowie die Unterstützung jeglichen Krieges ablehnte.

Am 30. August verabschiedete die Hauptversammlung eine Resolution, in der zum einen Bells Vorgehen gegen die Reichskirche bestätigt wurde; zum anderen wurden erneut deren Gravamina angeprangert. Darüberhinaus wurde der Bekennenden Kirche Sympathie ausgesprochen; Dietrich Bonhoeffer und Karl Koch, der auf der Konferenz abwesende Präses der Bekennenden Kirche, wurden demonstrativ in den Ökumenischen Rat kooptiert. Bonhoeffer notierte ein Jahr später in seinem Aufsatz Die Bekennende Kirche und die Ökumene: „Mit der Konferenz in Fanö ist die Ökumene in eine neue Epoche eingetreten.“

Weitere Pläne

Bereits im Mai 1934 begann Bonhoeffer - obwohl sein Urlaub von der Universität gerade verlängert worden war - Pläne für die Zeit nach London zu schmieden. Im Brief vom 22.5.1934 schrieb er an seine Großmutter, er rechne damit,

„daß ich mich dann endgültig werde entscheiden müssen, ob ich noch einmal zur akademischen Laufbahn zurückkehre oder nicht. Übermäßig groß ist die Lust dazu nicht mehr. Und ich glaube nicht, daß sie bis zum Winter erheblich wachsen wird. Es ist mir nur um die Studenten zu tun. Aber vielleicht gibt es noch andere Wege, die sich auftun.“

Die Möglichkeit, die sich Bonhoeffer kurz darauf bot, war das Angebot einer Stelle als Direktor eines der Predigerseminare der Bekennenden Kirche in der Altpreußischen Union. Bonhoeffer sagte zu, blieb den Herbst und Winter über aber noch in London, um den dortigen Pfarrern der deutschen Gemeinden beim Kampf gegen die Reichskirche, der schließlich im Bekenntnis zur Bekennenden Kirche gipfelte, beizustehen. Seine in London erneut aufgeflammten und abermals konkretisierten (er bekam im November auf Vermittlung Bells eine Einladung von Gandhi) Indienpläne verwarf er jedoch und kehrte - nach einer kurzen Rundreise zu einigen anglikanischen Seminaren und Klöstern im Frühjahr 1935 - Mitte April nach Berlin zurück.

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Predigerseminar Finkenwalde, Abschiedsabend, März 1936. Zweiter Finkenwalder Kurs, mit Bruderhausmitgliedern des ersten Kurses. 1. Reihe von links: Schemmann, Rose, Onnasch, Struwe, Koch, Büchsel, E. Müller, Schaaf; 2. Reihe: Lekszas, Pompe, Büsing, Schle
Predigerseminar Finkenwalde, Abschiedsabend, März 1936

Nach der Schließung aller altpreußischen Predigerseminare durch den Reichsbischof im März 1934 und aufgrund der Anwendung des Arierparagraphens auch in Bezug auf die Erlaubnis, theologische Examina abzulegen, musste die Bekennende Kirche selbst für die theologische Ausbildung sorgen. Hierzu wurden vom altpreußischen Bruderrat (dem leitenden Gremium des altpreußischen Teils der Bekennenden Kirche) fünf Predigerseminare eingerichtet. Bonhoeffer sollte das Pommersche leiten, welches jedoch zur Zeit seiner Rückkehr noch über keinerlei Räumlichkeiten verfügte. Am 26.4.1935 brach er mit 23 Kandidaten nach Zingst in eine provisorische Bleibe auf; Ende Juni schließlich wurde ein ehemaliger Gutshof in Finkenwalde (das heutige Zdroje; nahe Stettin) bezogen. Einrichtung, Ausstattung und Verpflegung des Seminars wurden zum großen Teil über Spenden bereitgestellt.

Zu den Kandidaten dieses ersten Kurses gehörte auch Eberhard Bethge. Er wurde Bonhoeffers Freund, Briefpartner und schließlich sein Biograph.

Lehre und Nachfolge

Von Bethge und weiteren Kandidaten sind z.T. umfangreiche Nachschriften der Vorlesungen und Seminare Bonhoeffers aus dieser Zeit sowie dem späteren Sammelvikariat enthalten. Der Unterricht umfasste u.a. folgende Themen:

Neben den Vorlesungen und Seminaren veranstaltete Bonhoeffer noch mehrere Freizeiten für die ehemaligen Kandidaten, wo u.a. über Esra sowie über Timotheus diskutiert wurde; darüberhinaus wurde ein Plan für den Konfirmandenunterricht entworfen.

Eine Eigenheit des Predigerseminars war die Errichtung eines Bruderhauses; Bonhoeffers Pläne sahen vor, dass einige Teilnehmer des ersten Sommerkurses nach dem Ende des Kurses weiterhin in Finkenwalde bleiben sollten, um dort gemeinsam in einer vita communis zu leben und arbeiten. Seinem Antrag wurde im Herbst 1935 stattgegeben, sechs Brüder blieben auf dem Hof. Die Erfahrungen in dieser Kommunität hielt er nach der Schließung des Seminars im 1939 erschienenen Büchlein Gemeinsames Leben fest.

Während der Zeit im Predigerseminar verfasste er mit Nachfolge ein weiteres Werk, das einen großen Eindruck in der evangelischen Kirche hinterlassen sollte. Hier beschäftigt er sich mit der Nachfolge Jesu; viele Elemente lassen sich bis in die Zeit vor 1932 zurückverfolgen, etwa die Beschäftigung mit dem Verhältnis von Glaube, Gebot und Gehorsam oder der Bergpredigt. Zu dieser bat er am 28.4.1934 Erwin Sutz:

„Schreiben Sie doch einfach mal, wie Sie über die Bergpredigt predigen. Ich versuche es gerade - unendlich schlicht und einfach, aber es geht immer um das Halten des Gebotes und gegen das Ausweichen. Nachfolge Christi - was das ist, möchte ich wissen - es ist nicht erschöpft in unserem Begriff des Glaubens. Ich sitze an einer Arbeit, die ich Exerzitium nennen möchte - nur als Vorstufe.“

Diesen ersten Vorstufen zu der Arbeit an dem Buch folgte im Sommer 1935 die Finkenwalder Vorlesung Nachfolge, aus der komplette Abschnitte in das Werk einflossen; Bonhoeffer hielt diese Vorlesung auch an der Berliner Universität im Wintersemester 1935/36. Weitere Vorlesungen aus der Zeit von 1935 bis 1937 wurden in den zweiten Teil des Buchs übernommen, welches dann zum Advent 1937 erschien.

Staatliche Repressionen

Die Zeit am Predigerseminar war für Bonhoeffer von drei Konflikten geprägt: mit dem Staat, mit der Ökumene sowie innerhalb der Bekennenden Kirche.

Am gravierendsten waren hierbei waren gewiss die staatlichen Repressionen, die zunächst mit der Einrichtung eines Kirchenministeriums im Juli 1935 begannen. Im September trat das Gesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche in Kraft, dessen Fünfte Durchführungsordnung vom 2.12.1935 „die Ausübung kirchenregimentlicher und kirchenbehördlicher Befugnisse durch kirchliche Vereinigungen oder Gruppen“ für „unzulässig“ erklärte. Insbesondere verboten waren

„die Besetzung von Pfarrstellen, die Berufung von geistlichen Hilfskräften, die Prüfung und Ordination von Kandidaten der evangelischen Landeskirchen, die Visitation in den Kirchengemeinden, die Anordnung von Kanzelabkündigungen, die Erhebung und Verwaltung von Kirchensteuern und Umlagen, die Ausschreibung von Kollekten und Sammlungen im Zusammenhang mit kirchengemeindlichen Veranstaltungen sowie die Berufung von Synoden.“

Somit verstieß die  Bekennende Kirche fortan bei allen diesen Tätigkeiten, also auch bei der Ausbildung von Pfarrern, gegen das Gesetz. Bonhoeffers Predigerseminar wurde nun ganz offiziell illegal; dort ausgebildete Pfarrer konnten nicht mehr legal beschäftigt werden.

Die rechtlich nun möglichen Maßnahmen des Staates gegen die Bekennende Kirche und das Seminar wurden jedoch noch nicht sofort in voller Härte zur Anwendung gebracht. Dies war zum einen sicherlich der Größe und Unübersichtlichkeit der Kirche geschuldet, zum anderen aber auch einer gewissen Vorsicht und Zurückhaltung des Regimes im Olympiajahr 1936. Dennoch kam es zu Übergriffen und Repressionen. Anfang März 1936 fand eine kurzfristig geplante Schwedenreise des Finkenwalder Seminars mit einem Empfang beim schwedischen Erzbischof Eidem statt, die bei den offiziellen deutschen Stellen - die zudem erst zu spät bzw. im Nachhinein von Bonhoeffer über die Reise unterrichtet wurden - auf Ablehnung stieß. Insbesondere die umfangreiche Berichterstattung der schwedischen Presse über den Besuch war ein Stein des Anstoßes. Auslandsbischof Heckel schrieb am 7.3.1936 an den Landeskirchenausschuss:

„Ich möchte aber nicht versäumen, den Landeskirchenausschuß darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß Lic. Bonhoeffer durch diese Begebenheit sehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt ist. Da der Vorwurf gegen ihn erhoben werden kann, daß er Pazifist und Staatsfeind ist, dürfte es angebracht sein, daß der Landeskirchenausschuß sich deutlich distanziert und Maßnahmen ergreift, daß nicht länger deutsche Theologen von ihm erzogen werden.“

In der Tat wurde ihm am 5.8.1936 der Entzug der Lehrbefugnis als Privatdozent mitgeteilt. Allerdings hatte es schon im Herbst 1935 Vorentscheidungen in diese Richtung gegeben.

Ausweitung der Repressionen und Schließung des Seminars

Trotz allem blieb das Jahr 1936 im Bezug auf Repressionen eher ruhig; 1937 allerdings häuften sich die staatlichen Eingriffe und Festnahmen. Das NS-Regime verfolgte dabei eine Taktik der Abschnürung: die Fünfte Durchführungsordnung wurde nun rigoros angewendet; mit dem Verbot der Kollekte etwa sollte der Bekennenden Kirche ihre finanzielle Grundlage entzogen werden. Desweiteren wurden die Gottesdienste und Versammlungen der Bekennenden Kirche unter Strafe gestellt. Zudem wurde versucht, die Kommunikation der Angehörigen der Bekennenden Kirche zu unterbinden; zum einen geschah dies etwa durch das Verbot (bzw. die Zensur) schriftlicher Mitteilungen in vervielfältigter Form, so dass die Pfarrer ihre kritischen Rundbriefe als persönliche, eigenhändig unterschriebene Briefe tarnen mussten. Die zweite gegen die Kommunikation der Pfarrer gerichtete Maßnahme war die Verhängung von Ausweisungen, d.h. Aufenthaltsverboten für einen bestimmten Ort. Auch Bonhoeffer war davon betroffen; im Januar 1938 wurde ihm ein Aufenthaltsverbot für Berlin und Brandenburg erteilt, welches jedoch - dank der Intervention seines Vaters - abgeschwächt wurde und fortan Familienbesuche ausnahm.

Die Situation für die Bekennende Kirche und deren Seminare spitzte sich im weiteren Verlauf des Jahres 1937 immer mehr zu. Am 1. Juli wurde - nachdem im Juni bereits Verhaftungen hochrangiger Vertreter der Bekennenden Kirche erfolgt waren - Martin Niemöller in Berlin festgenommen; Bonhoeffer, der zufällig unmittelbar nach der Festnahme das Haus betrat, wurde von der zurückkehrenden Gestapo für die Dauer der Hausdurchsuchung festgesetzt, durfte danach aber wieder gehen. Ende September 1937 schließlich wurde das Finkenwalder Predigerseminar geschlossen und versiegelt. In einem am folgenden Tag in der Zeitung veröffentlichten Erlass vom „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei“ heißt es:

„Die von den Organen der sogenannten Bekennenden Kirche seit langem gezeigte Haltung, unter Mißachtung der vom Staat geschaffenen Einrichtungen den theologischen Nachwuchs durch eigene Organisation auszubilden und zu prüfen, enthält eine bewußte Zuwiderhandlung gegen die 5. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Evangelischen Kirche vom 2. Dezember 1935 und ist geeignet, das Ansehen und Wohl des Staates zu gefährden.
Im Einvernehmen mit dem Herrn Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und dem Reichs- und Preußischen Minister für die kirchlichen Angelegenheiten ordne ich daher an:
Auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 werden die von den Organen der sogenannten Bekennenden Kirche errichteten Ersatzhochschulen, Arbeitsgemeinschaften und die Lehr-, Studenten- und Prüfungsämter aufgelöst und sämtliche von ihnen veranstalteten theologischen Kurse und Freizeiten verboten.“

Eine Eingabe prominenter Vertreter der Bekennenden Kirche an Heinrich Himmler vom 26.10.1937 blieb wirkungslos.

Sammelvikariate

Sammelvikariat Sigurdshof (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 10)
Sammelvikariat Sigurdshof

Nach diesem Verlust entschlossen Bonhoeffer und weitere Mitglieder des Bruderrates der Altpreußischen Union, die Arbeit fortzuführen, allerdings in Form von Sammelvikariaten. Da die Ausbildung in einem Seminar nun verboten war, Lehrvikariate bei legalen Pfarrern jedoch unter keiner Beobachtung standen, wurde entscheiden, diese als Tarnung zu benutzen. So konnten in zwei Sammelvikariaten in Hinterpommern (ca. 160-200km nordöstlich von Stettin) wieder je 7-10 Kandidaten ausgebildet werden, die sich (mit Einverständnis der Pfarrer) als Lehrvikare der umliegenden  Gemeinden ausgaben. Die Ausbildung fand nun in völliger Illegalität statt, was auch die Lebensumstände beeinflusste. Bonhoeffers Sammelvikariat begann Anfang Dezember 1937 in Groß-Schlönwitz (das heutige Slonowice) und zog im April 1939 in den noch abgeschiedener liegenden Sigurdshof. Hier gab es noch nicht einmal elektrischen Strom; Bonhoeffer schrieb am 14.2.1940 an seine Eltern: „Wir sind seit Sonnabend nun gänzlich eingeschneit und abgeschnitten. Es kommt auch kein Postauto mehr durch. Nur durch gelegentliche Schlitten können wir etwas heranbekommen. (Für telegraphische Verbindung bin ich übrigens immer erreichbar.)“ Dennoch konnte Bonhoeffer den widrigen Umständen einiges abgewinnen:

„Am Sonntag waren wir mit Schlitten in einem benachbarten Gutshaus. Es war eine herrliche lange Fahrt. Als wir zurück kamen waren es 28 Grad- und doch hatte man kaum gefroren. Die Arbeit geht unter diesen Umständen gut weiter. Wir haben vom Förster 2 m  Holz und auch 2 Zentner Kohlen bekommen. So geht es wieder für ein paar Tage. Die Verpflegung ist natürlich auch etwas erschwert, aber noch wird man satt [...] Wenn es nach mir geht, so würde ich, glaube ich, nie mehr für immer in der Stadt leben wollen.“

Wie in Finkenwalde konnte Bonhoeffer hier fünf Kurse unterrichten, bevor auch das Sammelvikariat am 18.3.1940 von der Gestapo geschlossen wurde.

Konflikte innerhalb der Bekennenden Kirche

Die Konflikte innerhalb der Bekennenden Kirche drehten sich hauptsächlich um vier Themen. Erstens um die „Judenfrage“, welche - zum Leidwesen Bonhoeffers - sehr zurückhaltend und ohne klare Aussagen behandelt wurde. Zweitens um den Führereid, welcher per kirchlicher Verordnung bei der Amtseinführung der Pfarrer gesprochen werden musste. Hier wandte sich Bonhoeffer gegen die Entscheidung der altpreußischen Bekenntnissynode vom Sommer 1938, die Erfüllung des Eides freizustellen. Der dritte Streitpunkt betraf die Zusammenarbeit mit den staatlichen, vom Reichskirchenminister eingesetzten Kirchenausschüssen. Im Brief vom 25.1.1936 an den Pfarrer Friedrich Schauer legte Bonhoeffer seine Position dazu dar:

„Ich bin allerdings der Meinung, daß der, der sich den Ausschüssen in irgendeiner Form unterstellt, nicht mit uns in einer Kirche sei. Aber hier gilt nicht das Wort eines Einzelnen, sondern das Wort der Synode oder der Bruderräte, auf das viele warten. Die bisherige Unklarheit an diesem Punkte scheint mir verhängnisvoll und symptomatisch zugleich.“

Als Bonhoeffer den im Frühling 1936 gehaltenen Vortrag Zur Frage nach der Kirchengemeinschaft veröffentlichte, in dem er eine Entscheidung der Bekennenden Kirche zu den Reichskirchenausschüssen forderte, kam es zum Eklat. Am Satz „Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil.“ nahmen viele Anstoß; der Artikel wurde auf diesen Satz reduziert. Bonhoeffer schrieb darüber im Brief vom 24.10.1936 an Erwin Sutz: „Übrigens bin ich jetzt wegen meines Aufsatzes, den ich Ihnen damals gab, der geschmähteste Mann unserer Richtung. Neulich hat sogar irgendein ‚lutherischer‘ Verein beantragt, ich müsse aus dem Lehramt der Bekennenden Kirche entfernt werden.“

Der vierte Konfliktherd war die Frage nach der Möglichkeit der Legalisierung der in den Seminaren ausgebildeten Pfarrer. Deren schwachen Stand und magere Zukunftsaussichten als illegale Pfarrer nutzten die Konsistorien, um sie gezielt für die Reichskirche abzuwerben. Bonhoeffer war von dieser Problematik über seine (ehemaligen) Seminaristen unmittelbar betroffen. Einer von ihnen, Otto Kistner, zitierte in einem Brief vom Januar 1939 Winfried Krause, einen weiteren Kandidaten, mit den Worten:

„Mich bewegt sehr, was ich tun soll, wenn wirklich, jedenfalls hier in Pommern, die B.K. [Bekennende Kirche] am Ende ihres Weges ist. Ob ich mich nach einem anderen Beruf umsehe? Oder ob ich erkläre: wider besseres Wissen[,] wider meine kirchliche Einsicht gehe ich zum Konsistorium, weil ich sonst überhaupt nicht mehr diesem Beruf nachgehen kann?“

Bonhoeffer versuchte den jungen Pfarrern theologisch und seelsorgerisch bei dieser Entscheidung beizustehen, was jedoch oft nicht einfach bzw. erfolgreich war. So schrieb er am 28.1.1939 an seinen Bruder Karl-Friedrich: „Es ist teilweise recht deprimierend in den letzten Wochen gewesen, wenn man sehen mußte, wie viele mit allerlei Vorwänden und Gründen unter allen Umständen die Ruhe und die Sicherheit suchen.“

Mitten in die Konflikte um den Führereid und die Legalisierung platzen die Novemberpogrome 1938. Die Kirchen, die gerade bemüht waren, sich von radikalen Positionen wie der des in die Schweiz emigrierten Karl Barth, der die bedrohten Tschechen zum militärischen Widerstand aufrief, zu distanzieren, um nicht selbst in Gefahr zu geraten, schwiegen (bis auf vereinzelte Ausnahmen) zu den Ausschreitungen. Bonhoeffer unterstrich in seiner Bibel in Psalm 74 „Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande“ und schrieb daneben „9.11.38“. Die Fortsetzung des Psalms ist mit Strich und Ausrufezeichen versehen: „Unsere Zeichen sehen wir nicht, und kein Prophet predigt mehr, und keiner ist bei uns, der weiß wie lange.“ Von Bonhoeffer ist zur Verfolgung der Juden der Satz überliefert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Trotz seiner weiteren Tätigkeit im Sammelvikariat entfernte sich Bonhoeffer ab ca. 1938/39 mehr und mehr von den Kämpfen der im Niedergang begriffenen Bekennenden Kirche und den ökumenischen Konflikten mit dem Weltbund; er sah den Schwerpunkt seiner Arbeit nun im Widerstand.

Konflikte mit dem Weltbund

Neben den Konflikten mit dem NS-Regime und mit unterschiedlichen Strömungen in der Bekennenden Kirche kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Weltbund, von dem Bonhoeffer gerade in dieser schwierigen Situation Beistand sowie eine offizielle Anerkennung der Bekennenden Kirche erwartete. Zudem wandte er sich gegen das paritätische Auftreten der Reichskirche auf ökumenischen Konferenzen. Der Kritik an beiden Seiten übende, Anfang Juli 1935 erschienene Aufsatz Die Bekennende Kirche und die Ökumene wurde jedoch kaum rezipiert. Ein Brief Bonhoeffers vom 24.3.1937 anlässlich der Vorbereitungen der Oxforder Weltkirchenkonferenz an Henriod, den Generalsekretär des Weltbundes, zeigt noch einmal klar die Positionen auf: 

„Der Gegenstand unserer Besprechung in London war die Entsendung einer deutschen Jugend-Delegation nach Oxford. Ihr Ziel ging dahin, einen Delegierten von D. Heckel [dem Auslandsreferenten der Reichskirche] in Oxford zu haben. Mein Ziel ging dahin, dies zu verhindern. Ich schicke voraus, daß ich mir dessen voll bewusst bin, daß Sie damit nur bestrebt waren, gerecht zu sein und eine vollständige Vertretung der deutschen Kirchen in Oxford zu haben. Meine Meinung aber ist, daß eine solche Regelung zwar formal gerecht erscheinen könnte, aber sachlich ungerecht und geistlich nicht zu verantworten ist aus bekannten, hier nicht zu erörternden Gründen.“

Der Briefwechsel der beiden brach bald ergebnislos ab; die Bekennende Kirche war fortan nicht mehr auf ökumenischen Sitzungen vertreten. Ein letzter Versuch Bonhoeffers fand im Frühling 1938 bei einer einmonatigen Englandreise statt. Sein Vorschlag der Gründung einer permanenten Vertretung der Bekennenden Kirche außerhalb Deutschlands war jedoch erfolglos. Immerhin ließ die Wahl des jungen Holländers Visser’t Hooft zum Generalsekretär des Vorläufigen Weltrates Bonhoeffer neue Hoffnung schöpfen, da dieser die Fronten im Kirchenkampf besser überblickte und die Bekennende Kirche besser zu stützen vermochte als sein Vorgänger.

Reise in die USA 1939

Während der Englandreise besuchte Bonhoeffer u.a. Reinhold Niebuhr, seinen ehemaligen Professor vom Union Thelogical Seminary, der ihm in einer wichtigen Angelegenheit Hilfe leistete. Bonhoeffers Musterung stand bevor, und er suchte - auch angesichts des drohenden Krieges und der Gefahr, die eine Kriegsdienstverweigerung darstellte - einen Weg, dieser zu entgehen. Niebuhr leitete Einladungen in die USA (von  Henry Smith Leiper und Paul Lehmann) an Bonhoeffer ein; dieser bekam schließlich eine Unbedenklichkeitsbescheinigung und wurde für ein Jahr von der Musterung zurückggestellt.

Anfang Juni trat Bonhoeffer seine Reise in die USA an; zuvor hatte er, da er aufgrund der unsicheren Lage nicht wusste, wann er zurückkommen würde, seinem Nachfolger im Vikariat auf dem Sigurdshof eine Mitteilung hinterlassen, Eberhard Bethge sein Testament übergeben und diesen als Nachlassverwalter ernannt. Die Reise dauerte dann freilich aus mehreren Gründen kürzer, als er selbst gedacht hatte. Zum einen hätte die geplante Tätigkeit dort, die Betreuung der deutschen Emigranten in New York, eine Rückkehr unmöglich gemacht; diese Möglichkeit wollte Bonhoeffer jedoch behalten: „But, of course, I must not for the sake of loyalty to the Confessional Chuch accept a post which on principle would make my return to Germany impossible.“ schrieb er am 15.6.1939 an Leiper. Der zweite, und entscheidendere Faktor war Bonhoeffers konkretes Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Amtsbrüdern in Deutschland. In seinem Reisetagebuch lässt sich der Weg zu der Entscheidung am 20. Juni nachvollziehen:

  • 13. Juni: „Frühstück mit Leiper, der mich aufs Herzlichste begrüßt und mich abholt. Erste Besprechung über die Zukunft. Ich mache zum klaren Ausgangspunkt für alles, daß ich zurück will in spätestens einem Jahr. Überraschung. Aber mir ist es ganz deutlich, daß ich zurück muß. [...] Bei allem fehlt nur Deutschland, die Brüder. Die ersten einsamen Stunden sind schwer. Ich begreife nicht, warum ich hier bin, ob es sinnvoll war, ob das Ergebnis sich lohnen wird [...] Es sind nun fast zwei Wochen, ohne daß ich etwas von drüben weiß. Das ist kaum zu ertragen.“
  • 15. Juni: „Seit gestern abend kommen meine Gedanken von Deutschland nicht los. Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß man in meinem Alter nach so vielen Jahren im Ausland so qualvolles Heimweh kriegen kann. Fast unerträglich wurde mir ein an sich wunderschöner Autoausflug am Morgen zu einer befreundeten Dame auf dem Land, d.h. im Gebirge. Man saß eine Stunde und schwatzte, gar nicht einmal das Dümmste, aber über Dinge, die mir so vollständig gleichgültig waren [...], und ich dachte, wie nützlich könnte ich diese Stunden in Deutschland verwenden. Am liebsten hätte ich das nächste Schiff genommen. Diese Untätigkeit beziehungsweise Tätigkeit an gleichgültiger Stelle ist uns wohl einfach nicht mehr erträglich im Gedanken an die Brüder und die kostbare Zeit. Die ganze Wucht der Selbstvorwürfe wegen einer Fehlentscheidung kommt wieder auf und erdrückt einen fast. Ich war sehr verzweifelt.“
  • 16. Juni: „Beunruhigende politische Nachrichten aus Japan. Wenn es jetzt unruhig wird, fahre ich bestimmt nach Deutschland. Ich kann nicht allein draußen sein. Das ist mir ganz klar. Ich lebe ja doch drüben.“
  • 20. Juni:  „Besuch bei Leiper. Damit ist wohl die Entscheidung gefallen. Ich habe abgelehnt. Man war sichtlich enttäuscht und wohl etwas verstimmt. Für mich bedeutet es wohl mehr, als ich im Augenblick zu übersehen vermag. [...] Die Losung spricht heute furchtbar hart von Gottes unbestechlichem Gericht. Er sieht gewiß, wie viel Persönliches, wie viel Angst in der heutigen Entscheidung steckt, so mutig wie sie aussehen mag.“
  • 22. Juni: „Es ist doch für einen Deutschen hier drüben nicht auszuhalten; man wird einfach zerrissen. Während einer Katastrophe hier zu sein, ist einfach undenkbar, wenn es nicht so gefügt wird. Aber selbst daran schuld zu sein, sich selbst Vorwürfe machen zu müssen, unnötig herausgegangen zu sein, ist gewiß vernichtend. Wir können uns von unserem Schicksal doch nicht trennen“
  • 26. Juni: „Heute las ich zufällig aus 2.Tim. 4[,21] ‚komme noch vor dem Winter‘ - die Bitte des Paulus an Timotheus. Timotheus soll das Leiden des Apostels teilen und sich nicht schämen. ‚Komme noch vor dem Winter‘ - es könnte sonst zu spät sein. Das geht mir den ganzen Tag nach. Es geht uns wohl so wie den Soldaten, die vom Feld in den Urlaub kommen und trotz allem, was sie erwarteten, wieder ins Feld zurückdrängen. Wir kommen nicht mehr davon los. Nicht als wären wir nötig, als würden wir gebraucht (von Gott!?), sondern einfach weil dort unser Leben ist und weil wir unser Leben zurücklassen, vernichten, wenn wir nicht wieder dabei sind. Es ist gar nichts Frommes, sondern etwas fast Vitales. Aber Gott handelt nicht nur durch fromme, sondern auch durch solche vitalen Regungen. ‚Komm noch vor dem Winter‘ - es ist nicht Mißbrauch der Schrift, wenn ich das mir gesagt sein lasse. Wenn mir Gott Gnade dazu gibt.

Bonhoeffer, der besorgt war, vom Krieg in New York überrascht zu werden, schrieb in einer Karte vom 1.7.1939 an seine Eltern, den Code „Onkel Rudi“ für den Kriegsbeginn verwendend: „Würdet Ihr mir bitte rechtzeitig zu Sabine Onkel Rudis Geburtstag schreiben, damit ich eventuell noch persönlich gratulieren kann?“ In sein Tagebuch notierte er:

  • 28. Juni: „Ich kann mir nicht denken, daß es Gottes Wille ist, daß ich ohne besondere Aufgabe im Kriegsfall hier bleiben soll. Ich muß am erstmöglichen Termin reisen“
  • 30.Juni: „Da ich sonst bei der gegenwärtigen Lage sowieso nach spätestens vier Wochen gefahren wäre, entschließe ich mich unter den gegebenen Umständen, am 8. mit Karl-Friedrich [der Vorträge in Chicago gehalten hatte] zu fahren. Ich will für den Kriegsfall nicht hier sein, und es ist objektiv hier nichts über die Lage zu erfahren. Das war eine große Entscheidung.“
  • 7. Juli: „Letzter Tag. Paul [Lehmann] versucht mich noch festzuhalten. Es geht nicht mehr. [...] Die Reise ist zu Ende. Ich bin froh, daß ich drüben war, und froh, daß ich wieder auf dem Heimweg bin. Ich habe vielleicht mehr gelernt in diesem Monat als in dem ganzen Jahr vor neun Jahren; mindestens habe ich für alle künftigen persönlichen Entscheidungen Wichtiges eingesehen. Wahrscheinlich wird sich diese Reise sehr bei mir auswirken.“

Am 8. Juni betrat Bonhoeffer das Schiff, stattete der seiner nach London emigrierten Schwester Sabine einen zehntägigen Besuch ab und erreichte Berlin am 27.7.1939. Er kehrte nach Hinterpommern zu den Kandidaten zurück, entließ jedoch die beiden Kurse, als Ende August von den Eltern eine Warnung vor dem bevorstehenden Kriegsausbruch kam; die Sammelvikariate lagen zu nah an der Front. Bonhoeffer selbst verbrachte die ersten Kriegswochen bei seinen Eltern in Berlin. Um seiner nun wieder drohenden Musterung zuvorzukommen, bewarb er sich im September beim Heeresoberpfarrer Radtke um eine Stelle im Heeresseelsorgedienst, wurde jedoch (im Februar 1940) abgelehnt.

Sammelvikariat, 10. Kurs (Winter 1939/40). Vor dem Jagdhaus Sigurdshof. Von links: B. Kerlin, D. Bonhoeffer, Frau Struwe, W. Litterscheid, H. Vollriede, H. Birk, M. Mebes, Probsthain, D. Muschner (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 10)
Sammelvikariat,  10.Kurs, Winter 1939/40

Nach dem Ende des Polenfeldzuges und der Beruhigung der Lage im Osten begann Bonhoeffer von neuem seine Tätigkeit im Sammelvikariat. Mitte Oktober begann der letzte Kurs mit acht Kandidaten. Bonhoeffer widmete sich in diesem Winter intensiv der schon seit Jahren geplanten  Meditation über Psalm 119. Darin heißt es zu Vers 19 ‚Ich bin ein Gast auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir‘:

„Einen festen Halt habe ich weder an Menschen noch an Dingen. Als Gast bin ich den Gesetzen meiner Herberge unterworfen. Die Erde, die mich ernährt, hat ein Recht auf meine Arbeit und meine Kraft. Es kommt mir nicht zu, die Erde, auf der ich mein Leben habe, zu verachten. Treue und Dank bin ich ihr schuldig. Ich darf meinem Los, ein Gast und Fremdling sein zu müssen, und damit dem Ruf Gottes in diese Fremdlingschaft nicht dadurch ausweichen, daß ich mein irdisches Leben in Gedanken an den Himmel verträume. Es gibt ein sehr gottloses Heimweh nach der anderen Welt, dem gewiß keine Heimkehr beschieden ist. Ich soll ein Gast sein, mit allem, was das einschließt. Ich soll mein Herz den Aufgaben, Schmerzen und Freuden der Erde nicht teilnahmslos verschließen und ich soll auf die Einlösung der göttlichen Verheißung geduldig warten, aber wirklich warten und sie mir nicht im voraus in Wünschen und Träumen rauben.“

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Hans von Dohnanyi (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 11)
Hans von Dohnanyi

Dietrich Bonhoeffers Kontakt zu Personen des Widerstands kam über seinen Schwager Hans von Dohnanyi zustande. Dieser hatte von 1929 bis 1938 für das Reichsjustizministerium gearbeitet, dort einen tiefen Einblick in die Verbrechen des Regimes bekommen und dazu systematisch Daten gesammelt. 1938 arbeitete er an zwei Umsturzplänen mit und bekam ab Ende August 1939 eine Stelle bei der Abwehr unter Wilhelm Canaris und Hans Oster, zwei Unterstützern des militärischen Widerstands.

Von diesem Zeitpunkt an wohnte Dohnanyi bei den Eltern Bonhoeffers in Berlin; der Kontakt der beiden intensivierte sich. Verständlicherweise sind kaum Belege für Bonhoeffers Wissen um die Umsturzpläne, die sein Schwager mitentwickelte, auffindbar; laut Bethge (seinem Biograph) weisen aber zumindest zwei Tatsachen auf eine Teilhabe bzw. Mitwisserschaft Bonhoeffers in dieser frühen Phase des Widerstands hin. Zum einen sind aus Bonhoeffers Notizkalendern von 1938/39 alle Seiten herausgerissen, die mit Bonhoeffers Besuchen in Berlin oder wichtigen Daten von Umsturzplänen korrespondieren. Zum anderen benutzte Bonhoeffer in seiner Korrespondenz mehr und mehr Codewörter (etwa den schon erwähnten „Onkel Rudi“ für „Krieg“).

Die Pläne des Kreises um Dohnanyi und Oster sahen vor, einen Umsturz mit Unterstützung der Wehrmacht herbeizuführen. Es fanden sich hier einige hochrangige Personen, die Hitlers Politik (etwa nach der Blomberg-Fritsch-Krise), die Verbrechen der SS während des Polenfeldzugs oder die geplante Ausweitung des Krieges nach Westen missbilligten und von der Notwendigkeit eines Umsturzes überzeugt werden konnten. Wichtig für diese Überzeugungsarbeit waren jedoch Garantien der Alliierten für die Zeit nach dem Umsturz. Die Verhandlungen fanden u.a. durch den Rechtsanwalt Josef Müller statt, der über Kontakte in den Vatikan verfügte und über diesen mit England verhandelte. Hier kam nun auch Bonhoeffer ins Spiel, dessen ausgezeichnete ökumenische Kontakte für politische Kontaktanbahnungen und Verhandlungen mit den Alliierten sehr hilfreich sein konnten.

Bonhoeffers Ausbildungsarbeit für die Bekennende Kirche fand mit der Schließung des Sammelvikariats im März 1940 ein endgültiges Ende. Im Sommer reiste er als Visitator für seine Kirche dreimal nach Ostpreußen; nachdem die Gestapo bei der zweiten Reise eine Freizeit von Bekenntnisstudenten auflöste, auf die Bonhoeffer als Redner eingeladen war, bekam er von Dohnanyi, Canaris und Oster das Angebot, seine grenznahen Reisen von der Abwehr mit einem Auftrag abschirmen zu lassen. Die dritte Reise musste er abbrechen, da er zurück nach Schlawe, seinen offiziellen Wohnort, gerufen wurde. Dort wurde ihm am 4.9.1940 mitgeteilt, dass gegen ihn ein Reichsredeverbot wegen „volkszersetzende[r] Tätigkeit“ verhängt sei und er zudem von nun an einer polizeilichen Meldepflicht unterliege. Somit durfte Bonhoeffer nun weder lehren, noch Visitationen machen noch sein Pfarramt in Berlin ausüben.

Da also kirchliche Arbeit fast nicht mehr möglich war, wurde Bonhoeffer von der Bekennenden Kirche für seine wissenschaftliche Arbeit (er schrieb zu dieser Zeit bereits an der Ethik) informell freigestellt und nahm das Angebot der Abwehr an. Dies hatte nicht nur den Vorteil, ihn dem Zugriff der Gestapo sowie - durch eine UK-Stellung (Unabkömmlichstellung ) - der Musterung zu entziehen; es ermöglichte ihm überdies die Mitarbeit an Dohnanyis und Osters Verschwörungsplänen. Bonhoeffer wurde schließlich - um Distanz zur Pommerschen und Berliner Gestapo herzustellen -  der Münchener Dienststelle der Abwehr angegliedert. Im November 1940 zog er dorthin, Ende Januar 1941 war sowohl seine UK-Stellung ausgesprochen wie auch die Meldepflicht vorläufig ausgesetzt. Für seine Tätigkeit bei der Abwehr erhielt Bonhoeffer kein Geld; er finanzierte sich durch ein halbes Gehalt vom Bruderrat der Bekennenden Kirche und Zuwendungen seiner Schwester Sabine. Bonhoeffer führte von nun an ein Doppelleben: unter der Tarnung seiner Abwehrstelle führte er vermeintlich offizielle Reiseaufträge aus, die in Wirklichkeit den Zwecken des Widerstandes dienten.

Ethik und Briefe an die Seminaristen

Die Arbeit bei der Abwehr ließ ihm ausreichend Zeit für theologische Tätigkeiten; so konnte er sich in den Monaten von November 1940 bis Februar 1941, die er im Kloster Ettal verbrachte, der Arbeit am vierten Kapitel seiner Ethik widmen. Diese hatte er im Frühjahr 1940 begonnen; in mehreren Arbeitsphasen führte er sie bis zu seiner Verhaftung im April 1943 fort. Eberhard Bethge fand die Manuskripte auf Bonhoeffers Schreibtisch und veröffentlichte sie posthum; den Stellenwert, den Bonhoeffer diesem Werk beimaß, lässt ein Brief an Bethge vom 15.12.1943 erahnen: „manchmal denke [ich], ich hätte nun eigentlich mein Leben mehr oder weniger hinter mir und müsste nur noch meine Ethik fertigmachen.“

Bonhoeffer konnte darüberhinaus, auch wenn er nicht mehr aktiv im Dienst seiner Kirche war, seinen Amtsbrüdern und ehemaligen Seminaristen einige Unterstützung leisten. Um letztere, von denen jetzt viele an der Front waren, kümmerte er sich in seinen Rundbriefen:

„Wenn einer von Euch etwas bekümmert schreibt, daß er eben nur Soldat unter Soldaten sein könne und daß er dabei versuche, ein Christ zu bleiben, daß aber seine Kraft darüber hinaus nicht reiche, so möchte ich den und alle, denen es ebenso geht, trösten. Ich kann darin keine Untreue gegen das Amt erblicken. Man kann eben als Soldat nicht einfach die Existenz eines Pastors weiter führen, und man soll sich daran nicht innerlich aufreiben. [...] Gott kennt Euer jetziges Leben und findet seinen Weg zu Euch auch in den angespanntesten und ausgefülltesten Tagen, wenn Ihr den Weg zu ihm nicht mehr findet.“ (Rundbrief vom Mai 1940)

Zur sich wieder in den Vordergrund drängenden Legalisierungsfrage schrieb er in einem Rundbrief von 1942:

„Die Sache der rechten Ausbildung der Prediger des Evangeliums ist des letzten Einsatzes würdig. Die Bereitschaft auf ein geordnetes Amt bzw. sogar auf jede Ausübung des geistlichen Amtes zu verzichten und eher in einem anderen Beruf Christus zu dienen als sich einer falschen geistlichen Leitung zu unterwerfen (denn darum geht es ja im Blick auf den Nachwuchs) bleibt eine legitime evangelische Haltung.“  

In den Briefen, die Bonhoeffer von der Front bekam, ging es jedoch nicht nur um die Gewissensnöte der Seminaristen; auch die unglaubliche Alltagswirklichkeit des Krieges wurde geschildert. Erich Klapproth schrieb kurz vor seinem Tod im Brief vom 5.2.1942 aus Russland:

„Die Kleider kleben uns - für 45° minus berechnet, aber auch in den überheizten Panjehäusern anbehalten - seit Jahresanfang auf dem Leib. Tagelang kommen wir nicht einmal zum Händewaschen, sondern gehen von den Toten zum Essen und von da aus wieder ans Gewehr. Alle Energie muß zum Kampf gegen die Gefahr des Verfrierens, zu Bewegungen trotz aller Todmüdigkeit aufgebracht werden. [...] Wir träumen viel von Ablösung, schon jetzt sind wir allerdings statt 150 nur noch 40 Mann, noch mehr von Deutschland - ich von dem ‚ruhigen und stillen Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit‘. Aber wir wissen alle nicht, ob wir noch nach Hause kommen dürfen.“

Erwin Sander, der ebenfalls fiel, schrieb im Brief vom 4.2.1942:

„Rußland ist ein wirklich trauriges Land. Der Krieg hier hat überkommene Vorstellungen von Behandlung der Menschen über den Haufen geworfen. Mitte Januar mußte eine Einheit unserer Abteilung an einem Tag 50 Gefangene erschießen, weil wir auf einem Marschwege waren, auf dem wir diese Gefangenen nicht mitnehmen konnten. In Partisanengegenden müssen Kinder und Frauen, die in dem Verdacht stehen, Partisanen mit Lebensmitteln zu versorgen, durch Genickschüsse erledigt werden. Diese Menschen müssen so beseitigt werden, weil sonst deutsche Soldaten ihr Leben einbüßen müssen.“

Seine Amtsbrüder, die zunehmend zum Militär oder zu Arbeitsverpflichtungen eingezogen wurden, unterstützte Bonhoeffer, indem er gemeinsam mit Dohnanyi und Oster versuchte, UK-Stellungen für sie zu erreichen. Im Dezember traf er sich sogar in Ettal mit dem Reichsjustizminister Gürtner, der den Reichskirchenminister Kerrl zur Genehmigung dieser UK-Stellungen bewegen sollte. Darüber berichtete er im Brief vom 22.12.1940 seinen Eltern: „Gürtner kam gestern mittag. Wir waren den Tag über zusammen und haben manches besprochen. Er ist in der Sache Kerrl ganz optimistisch; es ist nur fraglich, was Kerrl selbst noch vermag. Die Sache eilt nun einigermaßen; denn die Nachrichten über Arbeitseinziehungen häufen sich.“ Durch Gürtners Tod einen Monat später endete jedoch diese Möglichkeit der Einflussnahme; der  Russlandfeldzug steigerte die Einberufungen sogar noch einmal.

Erste Reise in die Schweiz

Nachdem der militärische Widerstand durch die beiden unerwartet erfolgreichen Feldzüge der Jahre 1939 (Polenfeldzug) und 1940 (Westfeldzug) geschwächt worden war - schien sich doch die Kritik an Hitlers Größenwahn nicht zu bestätigen - bekam er im Jahr 1941 wieder Auftrieb. Hitler war es nicht gelungen, England zu besetzen und der sich am Horizont abzeichnende Russlandfeldzug machte - in Verbindung mit dem Ausbau der Waffen-SS - hochrangige Personen der Wehrmacht wieder für Umsturzpläne empfänglich. In dieser Lage schien es ratsam, die Verbindungen zu den Alliierten wieder aufzunehmen.

So unternahm Bonhoeffer Ende Februar 1941 im Auftrag der Abwehr eine einmonatige Reise in die Schweiz; Ziel war es, die internationalen Kontakte aufzufrischen sowie ein Lebenszeichen der Widerstandsbewegung zu geben. Bonhoeffer besuchte dort mehrere alte Freunde, etwa Karl Barth, Erwin Sutz und Friedrich Siegmund-Schultze und nutzte die Möglichkeit, Post nach England schicken zu können, sofort für einen Brief an seine 1938 emigrierte Schwester Sabine und einen an George Bell. Hauptanlass seines Besuchs war jedoch das Treffen mit Visser’t Hooft, mittlerweile Generalsekretär des Vorläufigen Weltrates der Kirchen. Dieser berichtete von dem Treffen im Brief vom 19.3.1941 an Bell:

„He [Bonhoeffer] was a week with us and spent most of his time extracting ecumenical information from persons and documents. It is touching to see how hungry people like him are for news about their brothers in other countries, and it is good to know that he can take back so much which will encourage his friends at home.
On the other hand, we learned a lot from him. The picture which he gave is pretty black in respect to the exterior circumstances for the community which he represents. The pressure is greater than ever. But fortunately he could also tell us of many signs that their fundamental position has not changed at all and that they are as eager as ever for fellowship. Many of them have really the same reaction to all that has happened as you have or as I have. And this is remarkable after such a long period of  isolation.“

Der ausführlichere Bericht Visser’t Hoofts, den William Paton persönlich zu Bell nach England mitnahm, erwähnt auch das Dilemma, das Bonhoeffer schon 1939 in einem Brief an Niebuhr angesprochen hatte:

„With regard to the attitude to the war, it is generally recognized among believing Christians that a victory of their government will have the most fateful consequences for the Church in their own country as well as in other countries. On the other hand, they consider that a defeat of their country would probably mean its end as a nation. Thus many have come to believe that whatever the outcome of it all will be, it will be an evil thing for them. One hears, however, also voices which say that after all the suffering which their country has brought upon others they almost hope for an opportunity to pay the price by suffering themselves.“

Nachdem Bonhoeffer in der Schweiz also wieder an seine ökumenischen Verbindungen anknüpfen konnte, reiste er Ende März zurück nach München. Dort erwarteten ihn zwei Briefe der Reichsschrifttumskammer, in denen ihm ein Schreibverbot erteilt wurde. Eine Eingabe Bonhoeffers wurde abgelehnt, jedoch war dies kein allzu schwerer Schlag für ihn; konnte er doch längst nicht mehr seine politische Meinung offen äußern.

Zweite Reise in die Schweiz: das Memorandum

Kurz vor dem Beginn des Russlandfeldzugs wurde im Juni 1941 der sog. „Kommissarbefehl“ gegeben, der die Liquidierung russischer militärischer Kommissare und anderer einflussreicher ziviler Personen durch die Wehrmacht anordnete. Damit war diese sozusagen den Mordkommandos der SS gleichgestellt; in der Folge regte sich Protest bei einigen Generälen, was die Voraussetzungen für einen militärischen Umsturz erneut zu verbessern schien. Zwar versetzten die anfänglichen Erfolge des Feldzugs diesen Hoffnungen einen Dämpfer, die Widerständler wurden jedoch bald wieder optimistischer, da sich Hitler in Russland vollends zu verrennen schien.

Bonhoeffer, der den Sommer 1941 größtenteils die politischen Entwicklungen abwartend in Berlin verbracht hatte, reiste Ende August erneut für einen Monat in die Schweiz und traf dort wieder mit Visser’t Hooft zusammen. Nach der Lektüre von William Patons Buch The Church and the New Order, welches sich u.a. mit der Rolle der Kirche in der Nachkriegsordnung beschäftigt, beschlossen die beiden, ein Memorandum zu verfassen, das via Bonhoeffer die Perspektive des Widerstands wiedergeben sollte. Bonhoeffer formulierte den Text, den Visser’t Hooft ins Englische übersetzte und samt einem Begleitbrief zur Verbreitung nach London sandte. Bonhoeffer kritisierte darin v.a. die Forderung der alliierten Propaganda nach einer Entwaffnung Deutschlands, da dies für die Arbeit des Widerstands kontraproduktiv sei:

„A positive statement of peace aims may have a very strong influence in strengthening the hands of this group [die Widerständler]. It is clear that recent events [der „Kommissarbefehl“] have created a psychological situation in which they have an opportunity such as they have not had since 1933. There is, therefore, reason to give very great prominence to this aspect of the whole question.[...] We understand that the disarmament of Germany will have to be demanded. But it should certainly not be mentioned as the main peace aim, as being done too often.“

Zur Anerkennung einer Umsturzregierung gab er zu bedenken: „the question must be faced whether a German government which makes a complete break with Hitler and all he stands for, can hope to get such terms of peace that it has some chance to survive. [...] It is clear that the answering of this question is a matter of urgency, since the attitude of opposition groups in Germany depends upon the answer given.“

Trotzdem es sich bei dem Text formell um die Besprechung bzw. Diskussion der Thesen aus Patons Buch handelte, gab Bonhoeffer klare Signale konkreter Planungen des Widerstands; ebenso schrieb Visser’t Hooft im Begleitbrief vom 12.9.1941 die an Paton gerichteten Worte:

„These comments on your book have been written by me in close collaboration with a friend who came to us and who is a good friend of George Bell. I hope you will circulate them to all who are interested and also send a copy to Pit van Dusen. You must accept my word for it that all that we say about the next steps and the urgency of the situation is not based upon wishful thinking on our part, but on actual developments in discussion with responsible persons in the country concerned. This is also why I hope that some of these considerations will be brought before responsible people in Britain.“

Unterstützung in dieser Sache kam von Gerhard Leibholz und George Bell, dem Bonhoeffer am Ende seiner Reise im Brief vom 25.9.1941 voller Zuversicht schrieb: „Personally I am rather optimistic in hope for better days to be not too far off and I do not abandon the hope that in the coming year we may meet again. What a strange day will that be!“ Auch im Brief vom 19.9.1941 an seine Schwester Sabine klang sein Optimismus an: „It has been an extremely satisfactory time with my friends here. I am going home to my work with new strength and hope.“ Jedoch blieb die erhoffte Wirkung des Memorandums aus; die von Paton unterrichteten angesprochenen wichtigen englischen Kreise glaubten nicht an eine Existenz der von Bonhoeffer angedeuteten Opposition.

Bericht über die Nichtarierevakuierung

Bericht über erste Massendeportation der Juden. Typoskript (18.10.1941) (Nachl. 299, A65,2(1))
Bericht über erste Massendeportation der Juden
Bericht über die N.A.(Nichtarier)-Evakuierung, Seite 1. Typoskript (20.10.1941) (Nachl. 299, A65,2(2))
Bericht über die N.A.(Nichtarier)-Evakuierung, Seite 1
Bericht über die N.A.(Nichtarier)-Evakuierung, Seite 2. Typoskript (20.10.1941) (Nachl. 299, A65,2(2))
Bericht über die N.A.(Nichtarier)-Evakuierung, Seite 2

Während Bonhoeffers Abwesenheit war die Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden in Kraft getreten; diese mussten nun den Judenstern tragen. Bald nach seiner Rückkehr nach Berlin Ende September 1941 wurden dort die ersten jüdischen Familien benachrichtigt, dass ihre Häuser „zur Räumung vorgesehen“ seien; in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober wurden sie zum Abtransport versammelt. Bereits am folgenden Tag stellte Bonhoeffer mit Friedrich Justus Perels, einem Justitiar der Bekennenden Kirche, einen Bericht fertig, der neben den Ereignissen in Berlin auch ähnliche in Köln, Düsseldorf und Elberfeld erwähnte; ein ausführlicherer Bericht war am 20. Oktober fertig. Die Berichte wurden über Dohnanyi an Oster und Beck weitergegeben, um das Militär zur Intervention bzw. zur Mitarbeit am Umsturz zu bewegen.

Ende Oktober erkrankte Bonhoeffer an einer Lungenentzündung, die ihn für einige Monate nahezu handlungsunfähig machte; dennoch wirkte er an dem „Unternehmen 7“ mit, dessen Ziel es war, 12-15 Christen jüdischer Herkunft getarnt als Agenten der Abwehr in die Schweiz zu bringen. Wegen der mangelnden Bereitschaft der Schweiz, Juden aufzunehmen, wurden Bittbriefe u.a. an Koechlin, den Präsidenten des Schweizer Kirchenbundes geschrieben. Bonhoeffer steuerte hierzu einen Brief an Karl Barth bei. Die Aktion wurde ein voller Erfolg; im Oktober 1942 kam die Gruppe sicher in der Schweiz an.

Dritte Reise in die Schweiz

Bonhoeffer, der sich den Winter über in Berlin und in Kieckow bei der Familie von Kleist-Retzow von seiner Erkrankung erholt hatte, brach im Frühling 1942 zu einer neuen Reise für die Abwehr auf. Da Dohnanyi Mitte Februar informiert worden war, dass sein Telefon und seine Post von der Gestapo überwacht wurden, die Lage also bedrohlich zu werden begann, verfasste Bonhoeffer wie schon 1939 kurz vor der Reise ein Testament, welches er wieder Eberhard Bethge zur Verwahrung aushändigte.

Diese Reise führte Bonhoeffer Mitte April gemeinsam mit Helmuth James Graf von Moltke für eine Woche nach Norwegen, wo sie die gegen das NS-Regime streikenden norwegischen Pfarrer unterstützten. Bereits einen knappen Monat nach seiner Rückkehr brach Bonhoeffer zu seiner dritten Reise in die Schweiz auf. In einem Brief vom 13.5.1942 an Sabine äußerte er sich zum Krieg, wieder den Code verwendend, optimistisch: „Uncle Rudy has recovered a little bit, but he is terribly nervous and full of anxieties with regard of his personal future [...]. But his illness is so grave that I believe he will not live much longer.“ Bonhoeffer nutze wieder den neutralen Boden für ausführliche Korrespondenz, so etwa mit Karl Barth bzw. seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum.

Die Reise verlief für Bonhoeffer jedoch enttäuschend; Visser’t Hooft war nicht anzutreffen. In Genf erfuhr Bonhoeffer jedoch, dass Bell bis Anfang Juni in Schweden sein würde. Er entschloss sich daraufhin, seine Schweizer Reise abzubrechen und stattdessen zu versuchen, Bell in Stockholm zu treffen. In seinem Brief vom 23.5.1942, den er Bell aus Zürich schrieb, fanden seine Pläne jedoch (fast) keine Erwähnung:

„Let me, please, thank you for your very kind letter which I received only now. [...] Mrs. Martin [die Frau Martin Niemöllers, der zu dieser Zeit im KZ Dachau war] has been ill for a few weeks, so we have no news about her husband. But last time I heard from him he was said to be well physically and mentally. Since I know that Wednesday is your special day of intercession I will meet you in prayers and my friends when I will tell it will do the same. Thank you so much for letting me know that. It means so much to us. As far as I can see the day is not so far when we might meet again not only in spirit. What a comfort to know that you will be there in that moment! May God give us strength for the days that will come“.

Schwedenreise

Kurierausweis des Auswärtigen Amtes für Dietrich Bonhoeffer, 30.5.1942 (Nachl. 299, A61,5(1))
Kurierausweis des Auswärtigen Amtes, 1942

Bonhoeffer kehrte um den 26. Mai 1942 nach Berlin zurück, wo nach Rücksprache mit Generaloberst Ludwig Beck, der das Zentrum des militärischen Widerstands bildete, seine neue Mission geplant wurde. Der Auftrag war nun, über Bell der englischen Regierung Namen von Widerständlern zu liefern, die die neue Regierung nach dem Umsturz bilden sollten. Diese Mitteilung fand in der Hoffung statt, die Alliierten von der Existenz eines deutschen Widerstands zu überzeugen und Grundlagen für Gespräche über Friedensbedingungen nach dem Umsturz zu legen. Die Schwedenreise Bonhoeffers und seine Tätigkeiten dort waren Gegenstand eines Verhörs vom 4.1.1945; ein Bericht der Sicherheitspolizei über die Aussagen Bonhoeffers zu der Reise ist erhalten.

Die Reise wurde wieder von der Abwehr gedeckt; Bonhoeffer erhielt einen Kurierausweis des Auswärtigen Amtes, auf dem vermerkt war:

„Kurierausweis Nr. 474. Vorzeiger dieses, Herr Bonhoeffer, reist am 30. Mai 1942 mit amtlichen Schriftstücken und Gepäck des Auswärtigen Amtes nach Stockholm. Es wird gebeten, dem Genannten auf seiner Reise jedmögliche Erleichterung zu gewähren und ihm erforderlichenfalls Schutz und Beistand zu leisten.“

Am 31.5.1942 traf Bonhoeffer Bell in Sigtuna nahe Stockholm und übergab ihm die Dokumente. Gemeinsam mit dem Pfarrer Hans Schönfeld, der unabhängig von Bonhoeffer von einer anderen Widerstandsgruppe nach Stockholm zu Bell geschickte worden war, wurden Vereinbarungen über weitere Kontaktaufnahmen zwischen der englischen Regierung und den Widerstandskämpfern, deren Orte und Codes gesprochen. Bonhoeffer musste zwei Tage später schon wieder abreisen, um den Kuriercharakter der Reise zu wahren; zuvor übergab er Bell noch einen Brief (vom 1.6.1942)  an seine Schwester, in dem es heißt:

„What an indescribable joy to have heard from you through George [Bell]! It still seems to me like a miracle. [...] You will have heard, of course, as we have here in Sweden, that all persons of non-aryan descent who are outside of Germany have been in general expatriated. As far as I can tell the future of your fatherland that is a good thing for you and will make your return only easier on that day for which we are all longing. [...] My heart is full of thanks for these last days. George is one of the very great personalities I have met in my life.“

Ein weiterer Brief (vom 1.6.1942), den er Bell übergab, war an diesen selbst gerichtet: „This spirit of fellowship and of Christian brotherliness will carry me through the darkest hours, and even if things go worse than we hope and expect, the light of these few days will never extinguish in my heart. [...] I shall think of you on Wednesday. Please pray for us.“

Bell meldete sich nach seiner Rückkehr im Brief vom 18.6.1942 beim englischen Außenminister Anthony Eden an. Am 30. Juni übergab er ihm die Bonhoefferschen Dokumente; kurz vorher hatte Eden das von Trott, Gerstenmaier und Haeften verfasste Memorandum des Kreisauer Kreises erreicht, welches ähnliche Ziele wie das Bonhoeffersche verfolgte. Die Antwort Edens an Bell vom 17. Juli war niederschmetternd:

„These interesting documents have now been given the most careful examination, and, without casting any reflection on the bona fides of your informants, I am satisfied that it would not be in the national interest for any reply whatever to be sent to them. I realize that this decision may cause you some disappointment, but in view of the delicacy of the issues involved I feel that I must ask you to accept it.“

Eden blieb damit also ganz auf der bereits am 20.Juli 1940 von Winston Churchill erklärten Linie, alle Vermittlungsversuche zwischen Deutschland und England zu ignorieren. Auch Bells Versuch, das Material nach Washington weiterzugeben, blieb erfolglos. So musste er am 23. Juli an Visser’t Hooft, der sich ebenfalls für das Kreisauer Memorandum engagiert hatte, ein Absagetelegramm schicken: „Interest undoubted, but deeply regret no reply possible. Bell.“ Bell gab dennoch nicht auf und schrieb am 25.7.1942 erneut an Eden:

„Mr. Churchill said in his first speech as Prime Minister in the House of Commons on May 13th, 1940 that our policy was ,to wage war against a monstrous tyranny never surpassed in the dark and lamentable catalogue of human crime‘, and that our aim was ,victory at all costs‘. If there are men in Germany also ready to wage war against the monstrous tyranny of the Nazis from within, is it right to discourage or ignore them? Can we afford to reject their aid in achieving our end? If we by our silence allow them to believe that there is no hope for any Germany, whether Hitlerite or anti-Hitlerite, that is what in effect we are doing.“

Es gelang ihm letztenendes jedoch nicht, Eden zu überzeugen.

Attentatspläne

Bis Ende August 1942 hatte Bonhoeffer die schlechten Nachrichten noch nicht erhalten. Vom 26. Juni bis zum 10. Juli war er zusammen mit Dohnanyi nach Italien gereist, wo Kontakte zum dortigen Widerstand unterhalten wurden. Das erhoffte Schreiben von Bell hatte sich hier jedoch nicht gefunden. Erst als Dohnanyi kurz danach ohne Bonhoeffer in die Schweiz reiste, erfuhren die Widerständler von dem Telegramm. Bei dieser Reise nahm er einen Brief (vom 28.8.1942) Bonhoeffers an Bell mit, in welchem es - leicht frustriert - heißt:

„Things are going as I expected them to go. But the length of time is, of course, sometimes a little enervating. Still I am hopeful that the day might not be too far when the bad dream will be over and we shall meet again. The task before us will then be greater than ever before. But I hope we shall be prepared for it. I should be glad to hear from you soon.“

Dohnanyi schickte aus der Schweiz einen Brief (vom 30.8.1942) an Sabine und Gerhard Leibholz nach Oxford, in dem er konkrete Pläne der Widerstandsbewegung andeutete:

„Was sich in der unsichtbaren Sphäre abspielt, werdet Ihr erraten müssen - wenn Ihr dabei von gewissen unwandelbaren Voraussetzungen ausgeht, ist die Lösung des Rätsels nicht schwer [...] Der Zusammenhalt zwischen uns Geschwistern und mit den Eltern ist so groß wie je; wir stehen für einander ein, und so werden wir der vielen Schwierigkeiten, die diese turbulente Zeit mit sich bringt, schon Herr werden.“

Neben den direkten Umsturz- bzw. Attentatsplänen wandten sich die Gruppen des Widerstands in diesem Jahr verstärkt der Frage der Zeit unmittelbar nach dem Umsturz zu. Bonhoeffer entwarf in diesem Zusammenhang für den Kreis um Beck gemeinsam mit Perels Vorschläge für eine neue kirchliche Verfassung. Zudem verfasste er ein Manuskript des Titels Beendigung des Kirchenkampfes, in dem Sofortmaßnahmen für die Kirchen vorgestellt wurden; ein Entwurf zu einer Kanzelabkündigung nach dem Umsturz ist ebenfalls aus diesen Planungen erhalten.

Deutschlands Lage im Krieg spitzte sich im Herbst/Winter 1942 immer mehr zu; Bonhoeffer schrieb am 24.9.1942 an seine Eltern: „Stalingrad scheint ein furchtbarer Kampf zu sein. Das ist doch für alle sehr deprimierend und geht an die Nerven.“ Die Widerständler unterdessen arbeiteten intensiv an konkreten Umsturzplänen. Die Gruppe um Beck konzentrierte sich dabei nun vor allem auf Tresckow und Schlabrendorff bei der Heeresgruppe Mitte im Osten. Bonhoeffer schrieb über die Fortschritte dort, den Namen seines im Osten stationierten erkrankten Vetters als Code verwendend, am 27.11.1942 an Bethge: „Hans Chr. und Frau geht es doch allmählich immer besser.“ Über die Lage der Vorbereitungen in Berlin, wo General Olbricht nach dem Attentat den Militärputsch auslösen sollte, berichtete Bonhoeffer zwei Tage später: „Sepp ist wieder sehr vergnügt und munter und hofft, in längstens 4 Wochen mit seiner Arbeit fertig zu sein.“ Sepp - der Name Joseph Müllers also - stand für die Umsturzvorbereitungen.

Bonhoeffers Zeitangabe hier war zu optimistisch; erst im März kam es zu zwei Attentats- und Umsturzversuchen. Am 13.3.1943 platzierte Schlabrendorff einen Sprengsatz in einem Flugzeug, in dem Hitler von einem Besuch bei der Heeresgruppe Mitte heimkehrte; aufgrund der Kälte versagte jedoch der Zünder. Ein zweiter Versuch - als Selbstmordattentat Gersdorffs geplant - schlug am 21.3. fehl; zwei Wochen später wurden Bonhoeffer und Dohnanyi verhaftet.

Verlobung und Verhaftung

Die Verhaftung hatte jedoch nichts mit den Attentaten zu tun. Ende Oktober 1942 wurde der Konsul Schmidhuber, der mit den Widerständlern in den letzten Jahren zusammengearbeitet hatte, verhaftet und von der Gestapo verhört. Ebenso wurde der Hauptmann Ickradt aus der Abwehrstelle München verhört. Hierbei ging es in erster Linie um Devisentransaktionen im Rahmen des „Unternehmen 7“; Schmidhuber wusste jedoch auch von den Auslandsbeziehungen sowie von Bonhoeffers UK-Stellung. Als Dohnanyi im Oktober gewarnt wurde, dass sein und Bonhoeffers Name in den Verhören genannt und sie belastet worden waren, war also höchste Alarmbereitschaft angezeigt. Bonhoeffer wurde kurz vor Anbruch einer weiteren Reise, die ihn nach Ungarn, Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Italien sowie in die Türkei führen sollte, nach Berlin zurückbeordert. Gemeinsam mit Dohnanyi verfasste er einen fingierten Brief an diesen, der Bonhoeffers UK-Stellung plausibel erscheinen lassen sollte. In dem auf den 4.11.1940 zurückdatieren Brief heißt es:

„Lieber Hans! Bei unserem letzten Gespräch über ökumenische Fragen hast du mich gefragt, ob ich nicht gegebenenfalls bereit wäre, meine Auslandskenntnisse und Beziehungen zu Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Europa und Übersee zur Verfügung zu stellen, um an der Erlangung zuverlässiger Nachrichten über das Ausland mitzuarbeiten. Ich habe mir diese Frage durch den Kopf gehen lassen.
Die Besonderheit der ökumenischen Arbeit im Rahmen der Dich interessierenden Probleme liegt ja darin, daß an dieser Bewegung, in der sämtliche größeren Kirchen der Welt außer der Kirche Roms zusammengeschlossen sind, führende politische Persönlichkeiten der verschiedenen Länder interessiert sind, sodaß es in der Tat nicht schwer sein dürfte, die Auffassungen und Urteile solcher Persönlichkeiten auf dem Wege über ökumenische Beziehungen in Erfahrung zu bringen. [...] Ich bin jetzt für einige Zeit in München und wäre natürlich bereit, Dir in irgendeiner Dir geeignet erscheinenden Form zur Verfügung zu stehen, vielleicht von hier aus oder wo Du denkst. Ich glaube, daß es nicht schwer sein wird, auch unter den jetztigen Umständen, die große Mehrzahl der Verbindungen - eventuell im neutralen Ausland - wieder aufzunehmen und sie im deutschen Interesse auszuwerten.“

Bonhoeffer lieferte also scheinbar seine ökumenischen Kontakte an das NS-Regime aus, um die Tarnung der Umsturzbewegung aufrechtzuerhalten.

Die Affäre um Schmidhuber zog sich immer länger hin; es begann ein Gerangel um Zuständigkeiten, da eigentlich die Abwehr nicht vom Sicherheitsdienst untersucht werden durfte. Dem Reichssicherheitshauptamt hingegen kamen die Anschuldigungen sehr gelegen, da sich hier die Chance bot, der konkurrierenden Abwehr Schaden zuzufügen. Canaris und Oster deckten Bonhoeffer und Dohnanyi so gut es ging: als Bonhoeffer Mitte März 1943 erneut zur Musterung aufgefordert wurde, befreite ihn Oster von der Meldung, um seine UK-Stellung nicht zu gefährden. Zugleich bereitete er eine neue Reise Bonhoeffers vor, um business-as-usual vorzutäuschen.

Bonhoeffer hatte sich unterdessen mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer, der Schwester eines ehemaligen Konfirmanden in Finkenwalde, verlobt. Die beiden hatten sich im Juni 1942 zum ersten Mal seit Finkenwalde wiedergesehen; an Eberhard Bethge schrieb er im Brief vom 25.6.1942:

„An Maria habe ich nicht geschrieben. So geht es wirklich noch nicht. Wenn kein weiteres Zusammentreffen möglich ist, wird der schöne Gedanke einiger hochgespannter Minuten sich wohl wieder einmal im Reich der unerfüllten Phantasien auflösen, das sowieso schon ausreichend bevölkert ist. Andrerseits sehe ich nicht, wie sich ein Zusammentreffen für sie unauffällig und nicht kränkend bewerkstelligen lassen sollte. Auch Frau von Kleist kann man das nicht zumuten, jedenfalls nicht als Gedanke von mir; denn ich bin tatsächlich noch gar nicht klar und entschlossen.“ 

Es folgten weitere Besuche in Klein-Krössin und Berlin; als er sich Ende November mit ihrer skeptischen Mutter zu einer Aussprache traf, schlug diese eine einjährige Trennung vor. Bonhoeffer schrieb dazu an Bethge am 27.11.1942:

„Ich glaube, daß ich, wenn ich wollte, mich durchsetzen könnte; ich kann besser argumentieren als die anderen und könnte sie wahrscheinlich überreden; aber das ist mir selber unheimlich, kommt mir schlecht und wie eine Ausnutzung der Schwäche der anderen vor. Frau v. Wedemeyer ist durch den Verlust ihres Mannes, also gerade in ihrer Schwäche stärker, als wenn ich es mit ihm zu tun gehabt hätte; ich darf ihr jetzt nicht das Gefühl der Wehrlosigkeit geben, das wäre schuftig, aber es erschwert meine Situation.“

Schließlich fand am 17.1.1943 die Verlobung statt; es wurde vereinbart, bis zur Bekanntgabe und Hochzeit noch einige Zeit zu warten. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer in der Wohnung seiner Eltern von der Gestapo verhaftet; zuvor waren schon die Ehepaare Joseph Müller und Dohnanyi verhaftet worden. Damit endete Bonhoeffers aktive Beteiligung am Widerstand. Von nun an ging es darum, die anderen Mitglieder und Pläne zu decken, um die weiteren Umsturzbestrebungen nicht zu gefährden.

Über die Widerstandsarbeit hatte Bonhoeffer zu Weihnachten 1942 für Eberhard Bethge, Hans von Dohnanyi und Hans Oster den Essay Nach zehn Jahren verfasst. Darin heißt es:

„Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden - sind wir noch brauchbar?“

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Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 12)
Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel

Dietrich Bonhoeffer kam unmittelbar nach seiner Verhaftung am 5. April 1943 ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel. Dort blieb er bis zum 8. Oktober 1944, als man ihn in den Keller des Reichssicherheitshauptamtes in der Prinz-Albrecht-Str. (heute: Niederkirchnerstr.) verlegte. In Tegel gelang es Bonhoeffer relativ schnell, das Gefängnispersonal für sich zu gewinnen. Dies lag wohl nicht zuletzt an einer gewissen Prominenz Bonhoeffers bzw. seinen Verbindungen: sein Onkel Paul von Hase war Berliner Stadtkommandant (und ebenfalls am Widerstand beteiligt). Er machte Bekanntschaft mit einigen Wachmännern, die sich bereit fanden, seine Briefe an der Zensur vorbei nach draußen zu schmuggeln; einer von ihnen wurde sogar beinahe sein Fluchthelfer. Bonhoeffer war auch sonst für die Umstände recht gut versorgt: regelmäßig bekam er Pakete seiner Eltern mit Verpflegung, Kleidung und Medizin; später wurde ihm ein Anwalt gestellt.

Zettel und Briefe

Dennoch war die erste Zeit in der Haft ein Schock. Bonhoeffer hatte zunächst kein Schreibmaterial zur Verfügung; seine frühen Aufzeichnungen aus der Zelle finden sich auf Zetteln. So notierte er die ersten schockierten Eindrücke in der Haft am 8.5.1943 auf einer Liste seines Vaters zum Inhalt eines Lebensmittelpaketes: „Trennung von den Menschen, von der Arbeit, von der Vergangenheit, von der Zukunft, von der Ehre, von Gott.“ Auf einem weiteren Zettel, ebenfalls vom Mai 1943, ist gar vom Suizid die Rede: „Selbstmord, nicht aus Schuldbewußtsein, sondern weil ich imgrunde schon tot bin, Schlußstrich, Fazit.“

Mit dem weiteren Verlauf des Verfahrens sowie den Möglichkeiten umfangreicher Korrespondenz besserte sich jedoch seine Lage, wenngleich er sich immer wieder nach draußen sehnte. So schrieb er am 18.12.1943 an Eberhard Bethge: „Ich habe ein paar Mal in meinem Leben das Heimweh kennen gelernt; es gibt keinen schlimmeren Schmerz, und ich habe in den Monaten hier im Gefängnis ein paar Mal ganz schreckliche Sehnsucht gehabt.“ Im nächsten Brief (vom 22.12.1943) machte er jedoch deutlich, dass er bereit sei, sein Los anzunehmen und nichts bereue:

Brief Dietrich Bonhoeffers an Eberhard Bethge. Aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel, vom 22.12.1943. (Nachl. 299, A78,107)
Brief vom 22.12.1943 an Eberhard Bethge

„Man muß sich klar über das werden, was man will, man muß sich fragen, ob man es verantworten kann, und dann muß man es mit einer unwiderstehlichen Zuversicht tun. Dann und nur dann kann man auch die Folgen tragen. - Du mußt übrigens wissen, daß ich noch keinen Augenblick meine Rückkehr 1939 bereut habe, noch auch irgendetwas von dem, was dann folgte. Das geschah in voller Klarheit und mit bestem Gewissen. Ich will nichts von dem, was sich seit damals ereignet hat, aus meinem  Leben streichen, weder das Persönliche (- wäre ich anders verlobt? wärest Du verheiratet? außerdem Sigurdshof, Ostpreußen, Ettal, meine Krankheit unter Deiner Assistenz, die Berliner Zeit) noch das Allgemeine. Und daß ich jetzt sitze (erinnerst Du Dich an das Jahr, das ich Dir im vorigen März prophezeite?), rechne ich auch zu dem Teilnehmen an dem Schicksal Deutschlands, zu dem ich entschlossen war. Ohne jeden Vorwurf denke ich an das Vergangene und ohne Vorwurf nehme ich das Gegenwärtige hin“.

Bonhoeffers Korrespondenz in der Haft bestand aus Briefen an seine Eltern, denen er zunächst nur alle zehn Tage schreiben durfte; diese durchliefen alle die Zensur. Daneben schrieb er an seine Verlobte Maria von Wedemeyer; die Briefe wurden zum Teil denen der Eltern angefügt und durchliefen ebenfalls die Zensur, später wurden sie auch geschmuggelt. Die Briefe an Eberhard Bethge wurden ausnahmslos an der Zensur vorbeigeschmuggelt, sie reichen allerdings nur bis zum August 1944, da Bethge kurz vor seiner Verhaftung im Oktober 1944 die Briefe vom September verbrannte.

Literarische Versuche und Theologie

Während seiner Haftzeit war Bonhoeffer auf mehrere Arten schriftstellerisch produktiv. Zum einen verfasste er Ende 1943 einen Haftbericht, der v.a. den Zweck hatte, auf die Verhältnisse im Gefängnis aufmerksam zu machen und die Situation der Gefangenen zu verbessern. Daneben verfasste er 1943 einen Dramen- und  Romanversuch sowie ab 1944 Gedichte, in denen er seine Situation reflektierte. Diese fanden in der Nachwelt einen großen Anklang, sie wurden z.T. übersetzt und vertont; so insbesondere das mit dem Brief vom 19.12.1944 an Maria von Wedemeyer gesandte Gedicht Von guten Mächten. Der Theologie widmete sich Bonhoeffer verstärkt ab April 1944, vor allem in theologischen Briefen an Eberhard Bethge; größere abgeschlossene theologische Arbeiten sind aus der Haftzeit nicht enthalten.

Maria

Die Beziehung zu seiner Verlobten Maria von Wedemeyer war dem inhaftierten Bonhoeffer gleichzeitig eine Quelle der Hoffung wie auch der Sehnsucht. Nach der ersten Sprecherlaubnis mit Maria schrieb er am 24.6.1943 an seine Eltern: „Eben komme ich zurück und habe Maria gesehen - eine unbeschreibliche Überraschung und Freude! Nur eine Minute vorher hatte ich es erfahren. Es ist mir noch wie ein Traum - wirklich eine fast unbegreifliche Situation -, wie werden wir später einmal daran zurückdenken!“ Im November 1943 teilte er Bethge im Brief vom 18.11.1943 weitere Pläne mit: „Meine Heiratspläne: wenn ich frei bin und noch wenigstens ein paar Monate nicht eingezogen werde, so will ich heiraten. Wenn ich nur 2 - 3 Wochen frei habe bis zur Einziehung, dann will ich bis Kriegsschluss warten. Was für eine Verlobungszeit haben wir!“ 

Mitte Dezember formulierte Bonhoeffer die Absurdität der Situation im Brief vom 15.12.1943 an Bethge:

„Nun sind wir fast 1 Jahr verlobt und haben uns noch nie 1 Stunde allein gesehen! Ist das nicht ein Wahnsinn? Alles, was sonst zur Verlobungszeit gehört, das Sinnlich-erotische müssen wir bewußt verdrängen, unseren ersten Kuß haben wir uns vor R’s [Oberkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder] Augen geben müssen. [...] wir wissen so gut wie nichts voneinander, haben nichts miteinander erlebt, denn auch diese Monate erleben wir ja getrennt. Maria hält mich für einen Ausbund von Tugend, Musterhaftigkeit und Christlichkeit und ich muß, um ihr Beruhigung zu verschaffen, Briefe schreiben wie ein alter Märtyrer und ihr Bild von mir wird dadurch immer falscher. Ist das nicht für sie eine unmögliche Situation? Dabei hält sie sie mit einer so großartigen Selbstverständlichkeit durch.“

Seine Sehnsucht klingt im Brief vom 30.5.1944 an Eberhard Bethge an:

„Aber sieh’ mal, ich könnte es z.B. heute abend gar nicht wagen, mir wirklich konkret auszumalen, daß ich mit Maria bei Euch im Garten säße, daß wir dann bis in die Nacht miteinander sprächen usw. usw. Das ist einfach Selbstquälerei, die physisch wehtut. Also flüchte ich mich ins Denken, ins Briefschreiben, in die Freude über Euer Glück und verbiete mir - als Selbstschutz - das eigene Begehren.“

Mit Bonhoeffers Verlegung ins Reichssicherheitshauptamt im Herbst 1944 fiel die Sprecherlaubnis für Maria von Wedemeyer weg; der letzte Brief Bonhoeffers an seine Verlobte datiert auf den 19.12.1944.

Das Verfahren

Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel, x= Bonhoeffers erste Zelle (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 12)
Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel, x= Bonhoeffers erste Zelle

Bonhoeffer wurde zunächst, ebenso wie Hans von Dohnanyi, von Oberkriegsgerichtsrat Roeder verhört; auf Aufforderung Roeders legte er seinen Fall schriftlich dar. Hiervon sind sowohl Briefentwürfe als auch Notizen erhalten. Diese lassen Rückschlüsse auf Bonhoeffers Taktik während des Verfahrens zu. Wie für diesen Fall abgesprochen, versuchte Dohnanyi - da er sich in der Gesetzeslage wesentlich besser auskannte -  so viel Verantwortung wie möglich auf sich zu ziehen; Bonhoeffer hingegen bemühte sich, einen möglichst unerfahrenen und ahnungslosen Eindruck zu machen. Sein Versuch, als unbeholfene Randfigur zu erscheinen, äußerte sich in den Briefentwürfen an Roeder etwa so: „Ich bin der Letzte, der bestreiten wollte, daß mir in einer mir so fremden und neuartigen und an sich schon so komplizierten Tätigkeit, wie es der Abwehrdienst ist, Fehler unterlaufen sein könnten.“ Zudem gab er sich den Anschein, von den Verhören überfordert zu sein: „Es fällt mir tatsächlich oft schwer, wohl als einem, der das nicht gewöhnt ist, dem Tempo Ihrer Fragestellungen zu folgen“.

In ähnlich raffinierter Weise schaffte es Bonhoeffer, sich als äußerst kooperativ zu geben und verdächtige Handlungen, wie etwa seine UK-Stellung,  recht plausibel zu begründen. Die Tatsache, dass diese UK-Stellung bei der Abwehr unmittelbar auf das Redeverbot und die Meldepflicht der Gestapo gefolgt war, legte den - ja auch recht zutreffenden - Verdacht nahe, dass er sich so dem Zugriff des Sicherheitsapparats entziehen wollte. Bonhoeffer jedoch lieferte eine andere, fast schon patriotisch anmutende Erklärung:

„Daß nun meine Freistellung für die Abwehr zeitlich einige Monate nach dem Redeverbot erfolgte, hat für mich persönlich - das bestreite ich nicht - insofern eine große innere Entlastung bedeutet, als ich darin die willkommene Gelegenheit sah, mich gegenüber den staatlichen Behörden zu rehabilitieren, woran mir angesichts des verletzenden und mir völlig ungerechtfertigt erscheinenden Vorwurfs, der gegen mich erhoben war, allerdings sehr gelegen war. Das Bewußtsein, von einer militärischen Stelle gebraucht zu werden, war darum für mich persönlich von großer Bedeutung.“

Ähnlich verfuhr er auch bei den weiteren Anklagepunkten, die sich auf das „Unternehmen 7“, seine Reisen sowie die von ihm geförderte UK-Stellung für den Bekenntnispfarrer Niesel bezogen.

Die Abstimmung mit den Mitgefangenen Dohnanyi und Müller, die in der Wehrmachtshaftanstalt in Moabit saßen, mit Canaris und Oster sowie mit dem helfenden und dirigierenden Generalstabsrichter Karl Sack, fand über geheime Nachrichten in Büchern oder Esspaketen statt. Die Nachrichten wurden in den von der Familie gesandten Büchern durch mit einem Punkt gekennzeichnete Buchstaben übermittelt, so dass Aussagen äußerst detailliert aufeinander abgestimmt werden konnten.

Kurz nachdem Keitel, Chef des OKW, am 23.7.1943 anwies, das Verfahren gegen Bonhoeffer, Dohnanyi und Müller nicht mehr unter Hoch- und Landesverratsanklage zu führen, wurden die Verhöre eingestellt. Bonhoeffer wurde Ende Juli mitgeteilt, dass die Anklage nun auf Wehrkraftzersetzung lautete; sie betraf somit nur noch seine und Niesels UK-Stellung. In zwei Briefen vom 30.7. und 3.8. bat er seine Eltern, sich um einen Anwalt zu kümmern; in dem Wissen, dass die Briefe vom Ankläger gelesen wurden, ließ er bedeutende Namen fallen, die auf vermeintlich beste Beziehungen hinzuweisen schienen.

Da nach den Luftangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 eine umfassende Evakuierung einiger Gerichte aus Berlin angeordnet worden war, verzögerte sich das Verfahren immer weiter. Am 16.9. wurde Kurt Wergin als Wahlverteidiger zugelassen; die offizielle Anklage wurde am 21.9. erhoben. Bonhoeffer hoffte auf einen möglichst frühen Prozesstermin; es war die Rede vom 17.12.1943. Ende November wurde jedoch Hans von Dohnanyi in Moabit bei einem Bombentreffer schwer verletzt und somit verhandlungsunfähig; die Idee, Bonhoeffers Fall abgetrennt zu verhandeln, wurde aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Bonhoeffer war darüber nicht erfreut und schrieb am 18.12. an Eberhard Bethge: „Nach meiner Auffassung wäre ich beim Termin am 17.XII. freigekommen; aber die Juristen wollten den sichereren Weg gehen, und nun werde ich voraussichtlich noch Wochen, wenn nicht Monate hier sitzen. Die letzten Wochen waren psychisch eine schwerere Belastung als alles Vorige.“

Vor und nach dem 20. Juli

Im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel. Zusammen mit gefangenen Offizieren der italienischen Luftwaffe. Frühsommer 1944. Von links: Mario Gilli, Dante Curcio, Oberfeldwebel Napp, der die Aufnehmen veranlaßte, Dietrich Bonhoeffer, Edmo
Im Hof des Gefängnisses mit ital. Offizieren, 1944

Mitte Februar 1944 wurde Dohnanyi für verhandlungsfähig erklärt; zur gleichen Zeit wurde Canaris abgesetzt und die Abwehr dem Reichssicherheitshauptamt eingegliedert. Somit war wiederum ein naher Prozesstermin in Aussicht, es fiel jedoch zugleich die wichtige Unterstützung Canaris‘ weg. Bonhoeffer begrüßte die nahende Entscheidung im Brief vom 14.2.1944 an Eberhard Bethge: „Es sieht so aus, als würde sich in 8 Tagen für mich etwas entscheiden. Hoffentlich. Sollte es sich zeigen, daß man mich in Martin’s Gegend [d.h. das KZ Dachau, in dem Martin Niemöller interniert war] schickt, was ich nicht glaube, so sei bitte auch darüber ganz beruhigt. Ich bin wirklich ganz ohne Sorge, was mich selbst angeht. Seid Ihr es bitte auch.“ Kurz darauf jedoch wurde - zum Unwillen Bonhoeffers - von Sack die Taktik des „Versandenlassens“ ausgegeben: im Hinblick auf die Attentats- und Umsturzpläne des 20. Juli sollte nun die Eröffnung des Verfahrens so weit wie möglich hinausgezögert werden.

Bonhoeffer richtete sich nun damit ein und begann seine theologische Arbeit. Gleichzeitig erreichten ihn hoffnungversprechende Nachrichten von den Plänen des Widerstands. Nach einem Besuch seines Onkels, des Stadtkommandanten Hans von Hase, in seiner Zelle schrieb Bonhoeffer am 8.7.1944 an Bethge über das Briefeschreiben: „Wer weiß, vielleicht braucht es gar nicht mehr allzu oft sein und wir sehen uns bälder wieder, als wir ahnen.“ Kurz vor dem Attentat erhielt Bethge einen euphorisch klingenden Brief (vom 16.7.1944): „Sehr froh bin ich, daß Klaus so guter Dinge sein soll! Er war längere Zeit so deprimiert. Nun, ich denke, alles, was ihn so bedrückt, wird bald wieder ganz in Ordnung kommen; ich würde es ihm und der ganzen Familie sehr wünschen.“ Der Hinweis auf seinen Bruder Klaus meinte die verheißungsvolle Lage der Umsturzpläne.

Nach dem gescheiterten Attentat am 20. Juli verschlechterte sich jedoch die Lage der Widerständler deutlich. Oster wurde am 21. Juli verhaftet, Canaris zwei Tage später, Sack am 9. August. Hans von Dohnanyi kam am 22. August ins Konzentrationslager Sachsenhausen, da weitere belastende Informationen gegen ihn gefunden worden waren. Ende September wurden im ehemaligen Hauptquartier des OKW in Zossen Akten gefunden, die Dohnanyi und die anderen Verschwörer schwer belasteten. Bonhoeffer plante daraufhin seine Flucht aus Tegel, die mit Hilfe eines Wärters Anfang Oktober stattfinden sollte. Aufgrund der drohenden Verhaftung seines Bruders Klaus verwarf Bonhoeffer, der Sippenhaftung fürchtete, den Plan jedoch kurzfristig. In den ersten Oktobertagen wurden Bonhoeffers Bruder Klaus, sein Schwager Rüdiger Schleicher, Friedrich Justus Perels und Hans John verhaftet und nach Moabit gebracht. Bonhoeffer wurde am 8.10.1944 in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes verlegt.

Im Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes

Die Lage Bonhoeffers änderte sich mit der Einlieferung in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes am 8.10.1944 drastisch. Seine Kontakte mit der Außenwelt brachen nahezu ab: seine Eltern erhielten noch zwei Briefe (vom 28.12.1944 und vom 17.1.1945) von ihm, Maria den o.g. vom 19.12.1944. Besuche waren nicht mehr gestattet, es durfte jedoch ein Paket pro Woche abgegeben werden. Von Oktober 1944 bis Januar 1945 fanden nun wieder Verhöre, geführt von Walter Huppenkothen und Franz Xaver Sonderegger, statt; im Gegensatz zu Dohnanyi und seinem Bruder Klaus wurde Bonhoeffer nicht gefoltert.  Ein Bericht der Gestapo über die Schwedenreise Bonhoeffers beruht auf seinen Aussagen in einem dieser Verhöre.

Anfang Februar 1944 überstürzten sich die Ereignisse: Am 1. Februar wurde Dohnanyi für erneute Verhöre und Misshandlungen aus Sachsenhausen ins Reichssicherheitshauptamt gebracht. Am folgenden Tag wurde von Roland Freisler vor dem Volksgerichtshof das Todesurteil über Klaus Bonhoeffer, Schleicher, Perels und John verkündet. Einen Tag später folgte ein schwerer Luftangriff der Alliierten auf Berlin, bei dem das Gerichtsgebäude zerstört und Freisler während der Verhandlung gegen Schlabrendorff getötet wurde; den Inhaftierten im Gestapogefängnis passierte jedoch nichts.

Auch Bonhoeffers Eltern, die versucht hatten, ihm ein Geburtstagspaket zu bringen, waren von dem Angriff betroffen. Bei einem zweiten Versuch gelang die Abgabe des Paketes; im begleitenden Brief vom 7.2.1945 heißt es:

„Unser Geburtstagsbrief zum 4., den wir am Sonnabend bringen wollten, kam infolge des Angriffs nicht in Deine Hände. Wir saßen im Anhalter Bahnhof in der S-Bahn während des Angriffs, es war nicht sehr reizvoll, es ist uns abgesehen davon, daß wir hinterher wie die Schornsteinfeger aussahen, nichts passiert. [...] Tags darauf hörten wir, daß den Häftlingen nichts passiert sei. Hoffentlich stimmt das. [...] Hoffentlich erreicht dich der Brief. Wir hoffen auf eine baldige Sprechmöglichkeit.“

Es wurde den Eltern jedoch nicht gestattet, Bonhoeffer bei Abgabe des Pakets zu sprechen; der Brief blieb der letzte, den er von seinen Eltern erhalten sollte. Am Nachmittag des gleichen Tages wurde er zusammen mit Canaris, Oster und Sack ins KZ Buchenwald gebracht. Ab da war er für Verwandte und Freunde unauffindbar; das erste Zeichen von ihm, was wieder an die Außenwelt gelangte, war die Nachricht von seinem Tod.

Seine Verlobte, die ihn im KZ Flossenbürg suchte, musste ihrer Mutter mittels einer Postkarte vom 19.2.1945 mitteilen: „Leider ist meine ganze Reise nach Bundorf und Flossenbürg völlig zwecklos gewesen. Dietrich ist gar nicht da. Wer weiß, wo er steckt. In Berlin sagt man es mir nicht und in Flossenbürg wissen sie es nicht. Ein ziemlich hoffnungsloser Fall.“ Seine Eltern schrieben ihm am 28.2.1945 noch einen Brief, der jedoch vom Reichssicherheitshauptamt nicht mehr angenommen wurde. Darin heißt es:

„Lieber Dietrich! Wir haben seit Deiner Abfahrt aus Berlin nichts von Dir und Du wohl auch nichts von uns gehört. Bei den vielen Einflügen der letzten Zeit ist uns abgesehen von ein paar Scheiben nichts passiert. Du brauchst Dich also nicht zu beunruhigen. [...] Wir sind beunruhigt, wie es Dir gesundheitlich geht. Wir möchten Dir gerne die Wäsche und die Kleinigkeiten, die wir sonst schicken konnten, wieder zukommen lassen, aber bis jetzt hat sich noch kein Weg gefunden. Ich hoffe, daß Christel heute auf der Prinz-Albrechtstraße etwas in Erfahrung bringt. Wenn es Dir möglich ist, laß bald etwas von Dir hören. An so alte Leute, wie wir sind, sollte die Schreiberlaubnis häufiger sein. Dein Vater
Mein lieber Dietrich! Meine Gedanken sind Tag und Nacht bei Dir in Sorge, wie es Dir ergehen mag. Hoffentlich kannst du etwas arbeiten und lesen und kommst nicht zu sehr herunter! Gott helfe Dir und uns durch diese schwere Zeit. Deine alte Mutter
Wir bleiben in Berlin, komme was da wolle.“

KZ und Tod

Reste der Hinrichtungsstätte im KZ Flossenbürg (Nachl. 299 - Erg. 1, Fotos 12)
Reste der Hinrichtungsstätte im KZ Flossenbürg

Bonhoeffer wurde in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar in eine Zelle im KZ Buchenwald gebracht, wo er zwei Monate lang interniert blieb. Ab dieser Zeit sind keine Schriftstücke Bonhoeffers mehr erhalten; zwei britische Offiziere, die dort ebenfalls festgehalten wurden, berichteten jedoch der Familie seiner Zwillingsschwester Sabine Leibholz nach dem Kriegsende ihre Eindrücke. Payne Best bemerkte die gute Konstitution Bonhoeffers in Buchenwald: He did „not look in the least like a man who had spent months in prison and who went in fear of his life.“ Auch seelisch schien es ihm - den Umständen entsprechend - gut zu gehen: „Bonhoeffer was different; just quite calm and normal, seemingly perfectly at his ease [...] his soul really shone in the dark desperation of our prison“.

Hugh Falconer berichtete Sabine Leibholz von Bonhoeffers Einfluss auf die Mitgefangenen:

„He did a great deal to keep some of the weaker brethren from depression and anxiety. He spent a good deal of time with Wasily Wasiliew Kokorin, Molotov’s nephew, who was a delightful young man although an atheist. I think your brother divided his time with him between instilling the foundations of Christianity and learning Russian.“

Im Reichssicherheitshauptamt gingen derweil die Verhöre und Foltern weiter. Hans von Dohnanyi schrieb am 8.3.1945 in seinem letzten Kassiber an seine Frau:

„sie haben alles, aber auch alles in der Hand. Wer der Verräter ist - ich weiß es nicht - es ist mir letztlich auch gleichgültig.  [...] P. scheint übrigens ungeschickt über Dietrich ausgesagt zu haben, der sich dann seinerseits wieder auf mich als Quelle berufen hat - ein Rattenschwanz von Aussagen, die nicht ungeschickt gegeneinander ausgespielt werden. Ich glaube, ich kann nicht mehr viel helfen.“

Am Abend des 3.4.1945 wurde  Bonhoeffer zusammen mit anderen Häftlingen zunächst  über Regensburg nach Schönberg gebracht, wo sie in einer Schule interniert wurden. Am 5.4. gab Hitler vermutlich den Vernichtungsbeschluss für die Beteiligten des 20. Juli; einen Tag später wurde Dohnanyi nach Sachsenhausen gebracht und dort von Huppenkothen zum Tode verurteilt. Am 8.4. brachte man Bonhoeffer ins KZ Flossenbürg. Kurz vor der Abfahrt schrieb Bonhoeffer seinen Namen und seine Anschrift in den Plutarch, den er in seinem letzten Brief erbeten und im letzten Paket seiner Eltern noch bekommen hatte; dies war seine letzte schriftliche Mitteilung. An Payne Best trug er noch Grüße an Bell, den Bischof von Chichester auf: „for me this is the end but also the beginning.“

In der Nacht wurden die Gefangenen von einem Standgericht unter Vorsitz von Otto Thorbeck mit Walter Huppenkothen als Anklagevertreter befragt und verurteilt. Gemeinsam mit Canaris, Oster und Sack wurde Bonhoeffer im Morgengrauen des 9.4.1945 hingerichtet; am gleichen Tag wurde Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen exekutiert. Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher, Friedrich Justus Perels und Hans John wurden in der Nacht vom 22. auf den 23.4.1945 in Berlin erschossen.

Die Nachricht von Bonhoeffers Tod erreichte zunächst in einem Telegramm vom 30.5.1945 Julius Rieger in Genf; Visser’t Hooft leitete sie von dort an Bell und Leibholz weiter. Bonhoeffers Familie erfuhr erst im Juli von seinem Tod; einen Monat früher hatte Maria von Wedemeyer die Nachricht erhalten.

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