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E.-T.-A.-Hoffmann-Archiv

Das alte Berliner Rathaus, Ecke Spandauerstraße/ Königsstraße
Das alte Berliner Rathaus, Ecke Spandauerstraße/ Königsstraße

(etwa am Ort des heutigen 'Roten Rathauses'); Gerichtslaube und Turm. Nach einer Lithographie von Ludwig Eduard Lütke; wiedergegeben nach: Bilder aus dem Alten Berlin. Text von Professor Dr. Otto Pniower. Zweite vergrößerte Auflage, Berlin 1907, Nr. XXXIII (Signatur 1a : quer-8° 323936).

Die Gebäudeteile erscheinen auf der Abbildung in einer Gestalt, die sie nach dem dritten und letzten großen Brande des Rathauses im Jahre 1581 erhielten. Die Gerichtslaube ist durch Zumauerung einer Bogenöffnung aus einer Halle in einen geschlossenen Raum, der Bureauzwecken diente, verandelt. [...] Dennoch verlor der Platz vor der ehemaligen Halle seine alte traditionelle Bedeutung nicht. Sie bestand darin, daß sich hier eine Richtstätte befand, an der sogar und zwar bis zum Jahre 1694, Todesstrafen vollstreckt wurden. Als Symbol dafür war an dem südwestlichen Strebepfeiler ein aus gebranntem Ton hergestelltes, Kaak genanntes Bildwerk befestigt [...]. Der Kaak war ein auf einer Konsole hockender Vogel mit Eselsohren und grinsendem Menschenantlitz, 'vielleicht ein Sinnbild des Spottes und Schimpfes, dem die unter ihm an den Pranger gestellten und gebrandmarkten Übeltäter anheimfielen'. (Pniower)

In der Nacht des Herbstäquinoktiums kehrte der Geheime Kanzleisekretär Tusmann aus dem Kaffeehause, wo er regelmäßig jeden Abend ein paar Stunden zuzubringen pflegte, nach seiner Wohnung zurück, die in der Spandauer Straße gelegen. [...] Unten an dem Turm des alten Rathauses wurde er in dem hellen Schimmer der Reverberen eine lange hagere, in einen dunkeln Mantel gehüllte Gestalt gewahr, die an die verschlossene Ladentüre des Kaufmanns Warnatz, der dort bekanntlich seine Eisenwaren feil hält, stark und stärker pochte, zurücktrat, tief seufzte, hinaufblickte nach den verfallenden Fenstern des Turms. [...] [...] 'Verehrter Herr Tusmann, Sie belieben sich in meinem Beginnen hier ganz und gar zu irren. [...] Es ist heute das Herbstäquinoktium, und da will ich die Braut schauen. Sie hat schon mein sehnsüchtiges Pochen, meine Liebesseufzer vernommen und wird gleich oben am Fenster erscheinen.' Der dumpfe Ton, in dem der Mann diese Worte sprach, hatte etwas seltsam Feierliches, ja Gespenstisches, so daß es dem Geheimen Kanzleisekretär eiskalt durch alle Glieder rieselte. Der erste Schlag der eilften Stunde dröhnte von dem Marienkirchturm herab, in dem Augenblick klirrte und rauschte es an dem verfallenen Fenster des Rathausturms und eine weibliche Gestalt wurde sichtbar. Sowie der volle Laternenglanz ihr ins Antlitz fiel, wimmerte Tusmann ganz kläglich: 'O du gerechter Gott im Himmel, o all ihr himmlischen Heerscharen, was ist denn das!'

Aus: E.T.A. Hoffmann, Die Brautwahl.