Geschichte des Gebäudes Unter den Linden

Der Architekt Ernst von Ihne

Der Architekt Ernst von Ihne

Ernst von Ihne (1848-1917) studierte Architektur und Bau in verschiedenen Ländern (England, Deutschland, Frankreich). Kontakte des Vaters zum englischen Hof zahlen sich für den Sohn aus und begründen dessen Beziehungen zum preußischen Hof, er begann, sich der kaiserlichen Familie in Berlin mit repräsentativen Privatbauten zu empfehlen. 1888 wurde er zum Hofbaurat ernannt. Wilhelm II. sah in Ihne die geeignete künstlerische Persönlichkeit, um seine Vorstellungen von der zukünftigen Verschönerung der Reichshauptstadt Berlin durch Monumentalbauten zu verwirklichen. - Die Verwurzelung Ihnes in zwei Kulturregionen prägte den architektonischen Charakter seiner Bauwerke: deutsche Renaissance-Elemente mischten sich mit der Bauweise englischer Landsitze. 1912 wurde er Mitglied der Königlichen Akademie der Künste und Ehrendoktor der University of Pennsylvania.

 

1903 : Erster Spatenstich

1903 : Erster Spatenstich

Die Baustelle Unter den Linden im Jahr 1904

Am 2. September erfolgt auf dem ehemaligen Gelände der Preußischen Akademie der Wissenschaften der erste Spatenstich für den Neubau der Königlichen Bibliothek. Die Größe des Bauplatzes von ca. 18.000 qm über einem Grundriss von 107 x 170 Metern erlaubt es, sowohl die Universitätsbibliothek als auch die Akademie der Wissenschaften in das Gebäude zu integrieren. Hofarchitekt Ernst von Ihne entwirft die Pläne, die Bauausführung liegt in der Hand von Anton Adams.

 

1914 : Einweihung des Bibliotheksgebäudes

1914 : Einweihung des Bibliotheksgebäudes

Die Königliche Bibliothek um 1914
Eröffnung im Kuppellesesaal, 1914

Am 22. März wird die Königliche Bibliothek Unter den Linden eingeweiht. Äußeres Merkmal ist ein auf Repräsentation ausgerichteter Baustil. Entsprechend ist im Innern das Gebäude auf eine Mittelachse hin orientiert, die im zentralen Kuppellesesaal ihren Höhepunkt findet. Die Vorbilder für den oktogonalen Kuppelraum von 34 Metern Höhe und 43 Metern Durchmesser stehen in London und Washington. Die Kuppel wird in nur 53 Arbeitstagen montiert. - Bei seiner Eröffnung sind im Lesesaal 372 Arbeitsplätze eingerichtet. Das Magazin der Bibliothek besteht aus einer selbsttragenden Regalkonstruktion der Firma Lipman mit einer Kapazität von rund 3 Mio. Bänden. Eine moderne Entstaubungsanlage verbindet fast alle Räume des Gebäudes. - Allen technischen Höchstleistungen zum Trotz gerät das neue Bibliotheksgebäude schnell in Kritik: Bemängelt werden schlechte Lichtverhältnisse im Kuppellesesaal, die zu geringe Kapazität der Handbibliothek von knapp 14.000 Bänden (welche bis in die 30er Jahre verdoppelt wird), Repräsentation statt Zweckmäßigkeit; u. a. fehlt viele Jahre für den Bibliotheksbetrieb eine funktionsgerechte Buchtransportanlage.

1914 ist die Bibliothek der größte Bibliotheksbau der Welt.

 

Ansichten vom Gebäude 1914

Ansichten vom Gebäude 1914

Gesamtansicht
Ehrenhof
Der Kuppellesesaal
Galerie im Lesesaal
Buchbinderei

1941 - 1945: Auslagerungen, Kriegsschäden

1941 - 1945: Auslagerungen, Kriegsschäden

Auslagerungen
Auslagerungen

Nachdem das Gebäude der Preußischen Staatsbibliothek Unter den Linden zum ersten Mal von einer Bombe getroffen worden war, begann die Evakuierung der Bestände der Bibliothek. Nach und nach wurde der gesamte Bestand der größten wissenschaftlichen Bibliothek des Deutschen Reiches  in 30 Auslagerungsorte gebracht, um sie vor Kriegsschäden wie Bombentreffer, Brände, Löschwasser, Plünderungen zu schützen.

Am 15. Februar 1945 wird der Kuppellesesaal von einer Luftmine getroffen und schwer beschädigt. Das Gebäude ist zu annähernd 40% zerstört; Kuppeln, Dächer, Fenster, Türen, technische und elektrische Anlagen sowie das Inventar sind schwer beschädigt.

 

Kriegsschäden am gesamten Gebäude

Kriegsschäden am gesamten Gebäude

Gesamtansicht Gebäude mit zerstörtem Dach
Trümmer im Lesesaal
Trümmer im Magazin
Freiliegende Bücher im Dachgeschoss
Blick durch die Trümmer auf den Berliner Dom

1946 : Wiederaufnahme des Betriebs

1946 : Wiederaufnahme des Betriebs

Sichern einer Dachspitze
Rückkehr von Büchern

Bei Kriegsende war der wilhelminische Prachtbau Unter den Linden schwer beschädigt - unter anderem war der zentrale Kuppellesesaal unbenutzbar geworden - und die Bestände der preußischen Staatsbibliothek auf viele Auslagerungsorte verstreut worden. Dennoch nahm im Oktober 1946 die Bibliothek unter dem Namen Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek den Benutzungsbetrieb wieder auf.

 

1955 - 1977 : Gebäudesicherung, Abriss des Lesesaals

1955 - 1977 : Gebäudesicherung, Abriss des Lesesaals

1975 Sprengung der Kuppel der Lesesaalruine
1977 die Fläche nach Abriss des Lesesaals

1955 kam die Wiederherstellung des Gebäudes vorerst zu einem Abschluss, der Kuppellesesaal jedoch blieb als Ruine im Zentrum des Gebäudes stehen.

Da die Baukapazitäten in der DDR für einen Wiederaufbau des Kuppellesesaals nicht ausreichen, beginnt im April 1977 der Abbruch des beschädigten Kuppellesesaals und des angrenzenden Lesesaals der Universitätsbibliothek.

 

1984 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands

1984 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands

Magazintürme, Haus Unter den Linden, 1987-2002

Nach der 1983 getroffenen "Grundsatzentscheidung zum Investitionsvorhaben Neubau von vier Büchertürmen der Deutschen Staatsbibliothek" beginnen die Bauarbeiten für die dringend benötigten Magazine. Die Pläne basieren auf einem standardisierten Bauprojekt für Industriesilos.

1987 werden die vier Magazintürme mit einer Kapazität von 2,2 Mio. Bänden auf dem Gelände des ehemaligen Kuppellesesaals zur Nutzung übergeben. Problematisch ist von Beginn an ihre unzureichende Anbindung an die sonstigen Gebäude, die mangelhafte Klimatisierung und das Fehlen einer modernen Buchtransportanlage.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 werden 1992 auch die beiden bis dahin selbständigen wissenschaftlichen Universalbibliotheken in Ost- und West-Berlin mit jeweils vollem Funktionsumfang - in Erwerbung, Erschließung, Benutzung und einiger in die Gesamtbibliothek eingebundener Sonderabteilungen - institutionell zusammengeführt. In den darauffolgenden Jahren wurden die grundlegenden Beschlüsse gefasst, um die Funktionen der einen Bibliothek so auf zwei bestehende Gebäude zu verteilen, dass eine sinnvolle und zweckmäßige Gesamtorganisation und eine klare Funktionsteilung entstanden.

Erste Bau-Voruntersuchungen und ein Gutachten verdeutlichten, dass der gesamte Gebäudekomplex Unter den Linden grundlegend sanierungsbedürftig war.

 

1992 - 1996 : Gebäudesicherung

1992 - 1996 : Gebäudesicherung

sanierter Katalograum im Haus Unter den Linden
notwendige Gründungssanierung

1992: Anmietung eines ehemaligen Getreidespeichers im Westhafen und Umbau als Magazingebäude für die während der Sanierung des Hauses Unter den Linden unterzubringenden Bestände

1993/94: Rekonstruktion des Saales des Systematischen Kataloges und der historischen Räume der Generaldirektion

1995: Abschluss der Sanierung der Hauptdachflächen: Ohne die Flächen an der Front zum Boulevard Unter den Linden werden 4200m² Dachfläche denkmalgerecht instand gesetzt

1995: Beginn der Sanierung der Gebäudegründung

1996: Kostenvorermittlung für die Gesamtsanierung des Hauses Unter den Linden

 

1998/99 : Gebäudekonzept, Vorbereitung Architekturwettberb

1998/99 : Gebäudekonzept, Vorbereitung Architekturwettberb

Brunnenhof
Innenhof mit Brunnen der Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden
Brunnenhof

Für das Haus Unter den Linden waren tiefgreifende Entscheidungen zu treffen, die im Dezember 1998 durch den Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fielen. Die Vertreter des Bundes und der Länder manifestierten die Konzeption EINE BIBLIOTHEK IN ZWEI HÄUSERN unter anderem dadurch, dass sie beschlossen, dem seit 1914 angestammten Sitz der Bibliothek Unter den Linden 8 seine volle Funktionsfähigkeit zurückzugeben, indem

  • die gesamte Altbausubstanz des Gebäudes saniert und instand gesetzt wird sowie

  • durch Neubauten - zentraler Lesesaal, Rara-Lesesaal, Tresormagazine, Ausstellungsbereiche - das Gebäude funktional und architektonisch ergänzt wird.

1999 : Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beauftragt das Bundesamt für Bauordnung und Raumwesen (BBR) mit der Auslobung eines Architekturwettbewerbes für den Neubau eines zentralen Lesesaals und weiterer Bereiche sowie die Grundinstandsetzung des Hauses Unter den Linden. In einem vorgeschalteten Bewerbungsverfahren werden unter 146 Bewerbern 15 Architekturbüros ausgewählt, von denen sich 14 am Wettbewerb beteiligen.

 

2000 : Architekturwettbewerb

2000 : Architekturwettbewerb

Am 2. März vergibt die Jury im Architekturwettbewerb  für den Neubau des Lesesaales im Haus Unter den Linden den 1. Preis an das Architektenbüro HG Merz Stuttgart | Berlin.

 

2002 - 2004 : Abriss der Magazintürme

2002 - 2004 : Abriss der Magazintürme

Beton-Sägen an den Resten der Magazintürme

Aus den Magazintürmen im Haus Unter den Linden werden 50.000 laufende Meter Bücher in das Außenmagazin im Westhafen transportiert. Damit beginnen die vorbereitenden Arbeiten für den Neubau des zentralen Lesesaals.

Von Januar 2003 bis Mai 2004 werden im Haus Unter den Linden die vier Magazintürme abgetragen.

 

2005 : erster Spatenstich für Merz-Neubauten

2005 : erster Spatenstich für Merz-Neubauten

gemeinsamer Spatenstich

Am 9. Mai 2005 führten die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, und der Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Florian Mausbach, den ersten Spatenstich vor dem Ausheben der Grube für den künftigen Allgemeinen Lesesaal und die anderen Neubauten aus.

 

2006 : Grundsteinlegung für Neubauten

2006 : Grundsteinlegung für Neubauten

Am 24. April 2006 konnte der Grundstein gelegt werden. In der 8 Meter tief ausgehobenen Baugrube versammelten sich Hunderte Beschäftigte, Medienvertreter, Politiker und Freunde der Staatsbibliothek.

 

2008 : Richtfest für die Neubauten

2008 : Richtfest für die Neubauten

Medienansturm
Die Richtkrone
Richtschmaus

Am 5. Februar 2008 setzte der Polier Frank Scheibal-Fiedler von der Firma Schälerbau - im Beisein der Bauarbeiter sowie von Engelbert Lütke-Daldrup (Staatssekretär im Bundesbauministerium), Florian Mausbach (Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung), Klaus-Dieter Lehmann (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz), Barbara Schneider-Kempf (Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin), HG Merz (Architekt) und rund 600 Gästen - dem Rohbau des neuen Allgemeinen Lesesaals die Richtkrone auf. Danach geht's zum zunftigen Richtschmaus im ebenfalls neu errichteten Rara-Lesesaal.