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Musik

Nachlass Ferruccio Busoni

Die Impulse, die von dem Komponisten, Schriftsteller und Pädagogen Ferruccio Dante Michelangelo Benvenuto Busoni (1866 - 1924) ausgingen, haben zweifellos die Kompositionsgeschichte, und in besonderem Maße die Musikästhetik des 20. Jahrhunderts geprägt. Als gefragter Klaviervirtuose, Komponist und Bearbeiter, Herausgeber und Dirigent zählt er zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Epoche. Neben Komponisten wie Paul Hindemith, Arnold Schönberg, Béla Bartók, Igor Strawinsky gilt er als Wegbereiter der Neuen Musik.

Ferruccio Busoni um 1906, Foto: Fischer-Schneevogt (Mus.Nachl. F. Busoni P I,18)
Ferruccio Busoni um 1906, Foto: Fischer-Schneevogt (Mus.Nachl. F. Busoni P I,18)

Durch die frühmusikalische Erziehung im Elternhaus gefördert, begann Busonis Karriere als Pianist bereits 1873. Der Weg führte ihn zunächst nach Wien, wo er mit einflussreichen Persönlichkeiten wie u.a. Anton Rubinstein, Eduard Hanslick, Baronin Sophie Todesco zusammentraf, die den außergewöhnlich begabten Jungen unterstützten und förderten.

Kompositionsstudien bei Wilhelm Mayer führten Busoni nach Graz und nach zahlreichen triumphalen Konzertreisen wurde er 1881 Mitglied der Reale Accademia Filarmonica Bologna. Es folgten Lehrtätigkeiten in Helsinki, Moskau und Boston. Im Jahr 1894 übersiedelte Busoni nach Berlin, wo er als Dirigent und Initiator zur Förderung des zeitgenössischen Musikschaffens ("Berliner Konzertabende" 1902 - 1909) beitrug. In Berlin blieb er bis zu seinem Tode, abgesehen von einer fünfjährigen Züricher Episode während des Ersten Weltkrieges. 1920 folgte er dem Ruf an die Akademie der Künste zu Berlin und leitete hier die Meisterklasse in der Fachrichtung Komposition.

Während man dem Klaviervirtuosen Busoni eine internationale Anerkennung entgegenbrachte, blieb ihm diese jedoch als Komponist in weiten Teilen versagt. Besonders in seinen zahlreichen Bearbeitungen zeigt sich der Weg Busonis über die Aneignung und späteren kritischen Auseinandersetzungen mit dem traditionellen Erbe. Als Ergebnis von "langen und langsam gereiften Überzeugungen" veröffentlichte er im Jahr 1907 seinen "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst", in dem er den Lösungsansatz entwickelte, dass die in einer von Konventionen befreiten Musik als Ausgangspunkt einer fortschreitenden Entwicklung zum "abstrakten Klang" zu sehen sei. Damit begann seine Hinwendung zur Atonalität. Seine Experimentierfreude gipfelte schließlich in dem Konstruktionsplan zum Bau eines Drittelharmoniums sowie dem Vorschlag, die Drittel- und Sechsteltönen einzuführen, und scheiterte zugleich an der komplizierten Spieltechnik des Instrumentariums und einer nicht zu realisierenden Bauweise des Instruments.

Brief von Ferruccio Busoni an Pfitzner, S. 1 (Mus.Nachl. F. Busoni B I,917)
Brief von Ferruccio Busoni an Pfitzner, S. 5 (Mus.Nachl. F. Busoni B I,917)

Busonis Œuvre umfasst mehr als 300 Kompositionen, wobei die Klavierkompositionen und -bearbeitungen einen hohen Stellenwert dabei einnehmen. Sein herausragendstes und zugleich am häufigsten gespieltes Werk ist die "Fantasia contrappuntistica" (1910), wovon mehrere Fassungen in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt werden. Zwei seiner insgesamt fünf Opern "Die Brautwahl" (1912) und "Doktor Faust" (1924/25, vervollständigt von Philipp Jarnach) - erweckten in letzter Zeit besonderes Interesse durch Aufführungen an Opernhäusern wie u.a. in Salzburg, München und Berlin. Obwohl die Rezeption von Busonis Werken kontinuierlich zugenommen hat, liegt sein Einfluss auf die neuere Musik- und Kompositionsgeschichte noch weitgehend im Dunkeln.

Der Busoni - Nachlass zählt zu den umfangreichsten Nachlässen der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin (Mus. Nachl. F. Busoni) und dokumentiert nicht nur Leben und Schaffen Busonis, sondern auch die Musik- und Zeitgeschichte Berlins des beginnenden 20. Jahrhunderts. Auf Anregung Leo Kestenbergs kam der erste Teil bereits im November 1925 an die Preußische Staatsbibliothek. Das "Busoni-Comité" hatte zuvor den Vorschlag unterbreitet, das gesamte Material in einem Archiv zusammenzufassen und in einem separaten Raum unterzubringen. Damit wollte man in idealer Weise die Grundlagen für die Busoni-Forschung schaffen. Diese Idee konnte jedoch nicht realisiert werden, da die Nachlass-Teile über Jahrzehnte verteilt in die Staatsbibliothek kamen. Weitere Teile folgten 1943, 1964/65, 1968, 1975 und in späteren Jahren. Busonis auf etwa 5000 Bände geschätzte Bibliothek gelangte nicht - wie vorgesehen - in die Staatsbibliothek, sondern wurde auf Veranlassung der wirtschaftlich schlecht gestellten Witwe, Gerda Busoni, durch das Antiquariat Max Perl, Berlin, im Jahr 1925 versteigert.
Neben Notenmanuskripten, Programmen, Bearbeitungen fremder Kompositionen (Bach, Liszt), Dichtungen, umfasst der Busoni-Nachlass die Liszt-Sammlung, die Bilder- und Porträtsammlung und präsentiert in dem umfangreichen Briefwechsel den Kosmopoliten Busoni im Übergang vom 19. in das 20. Jahrhundert. Die Korrespondenz ist eine Fundgrube zur Berliner Zeitgeschichte und liefert Beiträge - wie kein zweiter - zur europäischen Kultur- und Musikgeschichte Die Briefe sind in der Datenbank Kalliope erschlossen. Unter den Korrespondenzpartnern stößt man auf zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten, die das ausgehende 19. Jahrhundert sowie das frühe 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben, darunter Franz Liszt, Leo Blech, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Béla Bartók, Arthur Schnabel, Otto Klemperer, Stefan Zweig, Max Oppenheimer, Jakob Wassermann, Jean Sibelius, George Bernard Shaw, Leo Kestenberg.
Alle Nachlasskomplexe sind durch Listen bzw. konventionelle Kataloge erschlossen.