Orient

Neuerwerbungen

Islamische Handschriften

Die Orientabteilung konnte 2010 eine umfangreiche Sammlung islamischer Handschriften erwerben. Die 410 Bände sind überwiegend sogenannte Gebrauchshandschriften, die zum großen Teil aus den islamischen Schulen (Medresen) in Anatolien (u.a. Konya und Bursa) sowie aus anderen Gebieten des früheren Osmanischen Reiches stammen. Kopiert wurden die Handschriften mehrheitlich im 18. Jahrhundert, doch zahlreiche Abschriften stammen auch aus dem 16., 17. und 19. Jahrhundert. Die Handschriften sind in arabischer, persischer und türkischer Sprache verfasst. Inhaltlich repräsentiert die Sammlung die ganze Palette des islamischen Bildungswesens: Recht, Theologie, Sprachwissenschaft, Literatur, Philosophie, Mystik, aber auch naturwissenschaftliche Schriften finden sich hier. Die Handschriften weisen Spuren intensiven Gebrauchs auf, sind mit zahlreichen Glossen, Kommentaren und persönlichen Einträgen versehen. Obwohl viele der Handschriften bekannte und weit verbreitete Texte enthalten, finden sich doch zahlreiche Werke, die beispielsweise in der Literaturgeschichte Brockelmanns nicht erfasst worden sind. Innerhalb der nächsten Monate wird die Sammlung für die Benutzung zugänglich gemacht, ein vorläufiges Verzeichnis der Titel wird voraussichtlich ab Sommer 2011 über eine Datenbank durchsuchbar sein.

Weiterhin konnte eine persische Miniaturhandschrift aus dem 18. Jahrhundert erworben werden, die in Kaschmir entstanden ist. Sie enthält etwa 50 zeitgenössische Miniaturen und ist mit einem mit Blüten und Ornamenten verzierten Lackeinband versehen. Der Band enthält eine Gedichtsammlung (Diwan) und ein didaktisches Lehrgedicht (Mathnawi) des Ni’mat Khan Ali (gest. 1709), der ein Vertrauter des Moghul-Kaisers Aurangzeb war. In der Berliner Sammlung findet sich vom selben Autor ein Kochbuch, denn der Verfasser war zugleich Oberaufseher der kaiserlichen Küche.


 

Hebräische Handschriften

Hs. or.14122 und Hs. or. 14123
An prominenter Stelle stand in der Haskalah, der jüdischen Aufklärung des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, das Bemühen um die Sprache – das richtige Sprechen, die korrekte Aussprache, das verständige Lesen. Dabei war es das vordringlichste Anliegen der jüdischen Aufklärer, vor allem dem „einfachen Volk“ den Zugang zur hochdeutschen Sprache zu ermöglichen. Bevor Moses Mendelssohn seine Übersetzung des Pentateuchs, der Psalmen und von Teilen der prophetischen Bücher vollendete, hatte Jehudah Leib ben Joel Minden, der in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts in Berlin lebte, eine sich eng an das hebräische Original haltende Übertragung der Fünf Bücher Mose abgeschlossen, auf die sich Mendelssohn übrigens mehrfach berief. Eine zweibändige, von Minden selbst angefertigte Abschrift seiner Pentateuch-Übersetzung mit Anmerkungen, Glossar und Textvarianten, die vermutlich als Druckvorlage dienen sollte, konnte die Orientabteilung kürzlich erwerben. Die beiden Bände stammen aus der Bibliothek des legendären englischen Gelehrten und Mäzen Moses Montefiore.  

Hs. or. 14121
Über F. Brucker, den Autor dieser Übersetzung des 1. Buch Mose, ist bislang nichts bekannt. Möglicherweise war er in seinem rheinhessischen Heimatort Alzey Lehrer für jüdische Kinder, vielleicht Rabbiner oder der lokale Vertreter der Aufklärung: seine 1824/1825 abgeschlossene Übertragung des Ersten Buch Mose ist eine durchaus eigenständige Leistung und illustriert anschaulich das Bestreben der deutschen Juden, aus dem räumlichen wie dem sprachlichen Ghetto, dem als „Jargon“ geschmähten Jiddisch, endlich aufzubrechen und als gleichwertige Bürger anerkannt zu werden. Ungeachtet seiner äußerlichen Anspruchslosigkeit und obwohl es nicht den gesamten Pentateuch umfasst, ist das Werk eine äußerste Rarität.


 

Literatur aus DP-Lagern

Neu innerhalb des Bestandes der Orientabteilung ist die im Fachreferat Hebraistik/Judaistik angelegte Sammlung jener Publikationen, die zwischen 1945 und 1950 in den jüdischen Displaced-Persons-Lagern  der amerikanischen und britischen Zone Deutschlands erschienen.

Diese sehr spezielle Bibliothek umfasst etwa vierhundert Titel, von denen knapp zweihundert bislang erworben werden konnten. Sie geben einen repräsentativen Überblick über die in den Lagern entstandene bzw. gedruckte Literatur.

Zum einen handelt es sich um religiöse Werke – Bibeln, Gebetbücher, den berühmten „Survivors’ Talmud“ sowie einzelne Talmudtraktate, dazu ältere und moderne Schriften mehr oder weniger bekannter Halachisten – zum anderen um Bücher säkularen Inhalts: Wochenzeitungen und Propagandaschriften der verschiedenen, sich nicht immer wohlgesonnenen zionistischen Gruppierungen, Romane und Gedichte der modernen jiddischen und hebräischen „Klassik“ (z. B. Scholem Alechem, Mendele Moicher Sfurim, Chaim N. Bialik, Uri Zvi Grinberg), Lese- und Lehrbücher für die in den Lagern eingerichteten Schulen, nicht zuletzt die ersten Dokumentationen in Wort und Bild des Genozids, Berichte von Partisanen und Überlebenden des Warschauer Ghettos, Anthologien ihrer Lieder, Aufrufe und Parolen.Unter den im Frühjahr 2010 erworbenen Drucken sind drei der besonderen Erwähnung wert:

  • Die im Lauf des Jahres 1945 vom amerikanischen Armee-Rabbiner Abraham Klausner zusammengestellte Namensliste der Displaced Persons, die vor allem im süddeutschen Raum in Lagern untergebracht waren. Mit Hilfe dieses Verzeichnisses konnten Schicksal und Verbleib vermisster Angehöriger ermittelt werden. Das erworbene Exemplar gehörte Rabbiner Klausner selbst und wurde aus seinem Nachlass veräußert.
  • Die anlässlich des Pessach-Festes 1946 in München veröffentlichte „Ergänzung“ zur traditionellen „Haggadah“, dem Bericht vom Auszug Israels aus der ägyptischen Knechtschaft. Y. D. Scheinzon (Text) und Miklos Adler (Holzschnitte) schufen eine „aktualisierte“ Fassung der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden. Von dem schmalen Bändchen sind nachweislich nur drei Exemplare erhalten.
  • Ein um 1947/1948 veröffentlichtes Liederbuch der national-religiösen Vereinigung „Torah va-Avodah“ (Torah und Arbeit) für junge Einwanderer nach Israel.