
Sammlungsdigitalisierung und Standardentwicklung – Bestände aus kolonialen Kontexten der Staatsbibliothek zu Berlin (1800–1919)
Projektziel
Die Auseinandersetzung mit dem (deutschen) Kolonialismus bleibt nicht nur in der Gesellschaft ein intensiv diskutiertes Themenfeld, sondern erfährt auch in der Wissenschaft ein anhaltendes Interesse. Während der öffentliche Fokus oft auf Debatten um Restitution und Entschädigungen liegt, spielen die Fragen des Umgangs mit den schriftlichen Quellen in Bibliotheken bisher eine eher untergeordnete Rolle. Dabei unterstreicht beispielsweise ein Leitfaden zu kolonialen Kontexten in Bibliotheken, der vom dbv und der VÖB herausgegeben 2026 wurde, die hohe Relevanz dieses Themas für das Bibliothekswesen. Die Staatsbibliothek zu Berlin (SBB) nimmt hier eine zentrale Rolle ein. Aufgrund ihrer Funktion als preußische Zentralbibliothek und ehemalige Dienstbibliothek der königlichen Archive und Museen verfügt sie über einen herausragenden Bestand an Materialien aus kolonialen Kontexten. Dieser umfasst Handschriften, Nachlässe, Kinder- und Jugendliteratur, wissenschaftliche Berichte sowie Erinnerungs- und belletristische Literatur. Hinzu kommen umfangreiche Sammlungen, wie etwa die Bibliothek der Niederländisch-Indischen Akademie Delft, die die SBB 1904 erwarb. Die Bibliothek bringt zudem langjährige Expertise in der Retrodigitalisierung und der Arbeit mit historischen Beständen mit.
Auf dieser Grundlage baut das beantragte Projekt auf. Das primäre Ziel ist die Digitalisierung, Volltexterschließung und dauerhafte Open-Access-Verfügbarkeit von rund 10.000 Monografien, die zwischen 1800 und 1919 erschienen sind und thematisch den Kolonialismus betreffen. Die Auswahl dieses Korpus erfolgte im Vorprojekt „IN_CONTEXT" in einem systematischen Prozess unter Einbeziehung des Alten Realkatalogs und eines Abgleichs mit bestehenden Digitalisaten, um Doppelungen zu vermeiden. Ein gleichrangiges zweites Ziel ist die Entwicklung ethischer Standards für die Präsentation solcher Bestände und besonders mit sensiblen Inhalten regelt. Um dies zu gewährleisten, werden Kooperationen mit Forschenden aus dem Globalen Süden (z. B. aus Kamerun, Kenia, Namibia und Sri Lanka) intensiviert. Dies geschieht unter anderem durch zwei geplante Workshops, die sich mit der Erkennung und der angemessenen Darstellung sensibler Inhalte befassen. Der gesamte Prozess der Digitalisierung und späteren Präsentation erfolgt in enger Abstimmung mit der Fachwissenschaft, um die wissenschaftliche Nutzbarkeit der Digitalisate sicherzustellen. Das Spektrum der Zielgruppen reicht von der Geschichtswissenschaft über Geographie, Ethnologie und Regionalwissenschaften bis hin zu den Digital Humanities. Durch die Volltexterschließung (OCR) und die Bereitstellung in offenen Formaten soll ein belastbares Quellenfundament für die global- und verflechtungsgeschichtliche Forschung geschaffen werden.
Projektzeit
Februar 2026 - Januar 2029
Drittmittelgeber
Deutsche Forschungsgemeinschaft
Kontakt
Dr. Lars Müller
Abteilung Handschriften und Historische Drucke
Projekmanager
Tel.: +49 30 266 433 119
lars.mueller@sbb.spk-berlin.de