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Das Kinderbuch erklärt den Krieg

Angelo Jank: Die Wacht am Rhein.

Kinder- und Jugendbücher über den Weltkrieg in der Zeit von 1914 bis 1918

Die Welle militaristischer Kinder- und Jugendschriften erreichte mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt. Die Kriegsbegeisterung anlässlich der Mobilmachung dokumentiert sich in Bilderbüchern, Kriegserzählungen für Jungen und Mädchen, in Sachbüchern, Liederbüchern und Gedichten sowie in den Kinder- und Jugendzeitschriften.
Grundtenor der Darstellungen in den Kinderbüchern zum Ersten Weltkrieg war, dass Deutschland und Österreich von ihren »neidischen Nachbarn« in den Krieg hineingezogen worden seien und dass in diesem »gerechten« (und damit auch gerechtfertigten) Krieg die Freiheit des Vaterlands mit Waffengewalt verteidigt werden müsse.

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Die deutschen Kinder- und Jugendbücher rekurrieren häufig auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Mit diesem Rückblick auf den erfolgreichen Feldzug und der in den Publikationen des Jahres 1914 fast wie eine Beschwörungsformel eingesetzten Wendung »Weihnachten sind wir wieder zu Hause« wird ein ideologisches Programm für einen schnellen militärischen Erfolg aufgestellt.
Mit der Erinnerung an siegreiche Kriege der Vergangenheit (weitere Anlässe der patriotischen Rückbesinnung boten die Befreiungskriege sowie in der österreichischen Literatur die Türkenkriege) wird zugleich ein traditionelles Bild des Kriegs vermittelt, das der Realität des hochtechnisierten »Maschinenkriegs« von 1914, in dem mit Giftgasen auch Massenvernichtungsmittel eingesetzt wurden, nicht mehr entsprach.
Andererseits werden (insbesondere in deutschen Kinderbüchern) auch die technischen Errungenschaften der Neuzeit wie U-Boote, Zeppeline und Flugzeuge in Wort und Bild dargestellt, um mit diesen Sinnbildern »deutscher Ingenieurskunst« auf die Überlegenheit der eigenen Truppen hinzuweisen.

Grundsätzlich wird sowohl in den deutschen als auch in den österreichischen Kinderbüchern der Krieg als unvermeidbar dargestellt, kritische Stimmen gibt es kaum – diese hätten die Zensurbestimmungen in beiden Ländern allerdings auch nicht zugelassen. Stattdessen wird immer wieder hervorgehoben, welche positiven Auswirkungen der Krieg auf das Gemeinschaftsgefühl der Bevölkerung habe, dass er der moralischen Vervollkommnung diene und dabei helfen würde, »undeutsche Verhaltensweisen« abzulegen.
Die These vom »Krieg als Erzieher der Nation« ist in vielen Kinder- und Jugendbüchern präsent, Bücher wie »Was sollen unsere Knaben und Mädchen durch den Krieg lernen?« oder »Was der Krieg unsere Schulkinder lehrt« propagieren bereits im Titel diese Überzeugung. In ihnen werden die jugendlichen Leser dazu aufgefordert, die Soldaten auf jede erdenkliche Weise an der »Heimatfront« zu unterstützen, sei es durch das Stricken warmer Socken für die Krieger, das Sammeln von Metall, sei es durch Erntehilfe oder Verbandspenden.
Die wichtigste patriotische Grundtugend ist jedoch der Gehorsam gegenüber Eltern und Lehrern; denn, wie es Wilhelm Klauke in seiner nationalistischen Hetzschrift »Das deutsche Kind im deutschen Krieg« formuliert: »Die ganze Familie muß von dem einen Willen beseelt sein, den Vater oder die Soldaten zu unterstützen und zu erfreuen.«

Obwohl in der Kinder- und Jugendliteratur der Weltkriegszeit die patriotischen und teilweise dezidiert kriegsverherrlichenden Darstellungen deutlich überwiegen, werden in einigen Büchern, insbesondere von Autorinnen mit christlich- humanistischem Wertekanon wie Tony Schumacher oder Clara Nast, durchaus auch moderate Töne angeschlagen und nachdrücklich an das Verständnis und Mitgefühl für die Feinde appelliert.

 

 

Beispiele ...

Beispiele:

Abraham Hans: Een vlaamsch gezin in oorlogstijd.
Hugo von Hofmannsthal: Prinz Eugen der edle Ritter.
Klavdīja Lukaševič: Patriotičeskoe škol'noe literaturnoe utro.
Rudolf Presber: Vater ist im Kriege.
Herbert Rikli: Hurra! (S. 17)
Paul Telemann: Wie uns're kleinen Hausmütterlein im Kriege müssen fleißig sein
Marie von Felseneck: Trotzkopfs Erlebnisse im Weltkriege.
Georg Gellert: Kampf in Urwald und Sümpfen.
Illustration von Franz Müller-Münster. Aus: Adolf Holst: Soldatenleben im Frieden und Krieg.
Arpad Schmidhammer: Hans und Pierre.
Augustin Wibbelt: Schutzengel-Kriegsbrief an die Kinder.
Agnes von Lewinski: Unter Kriegswettern in Ostafrika.
Georges Redon: Aux enfants qui seront la France de demain.
Pierre Véron: La petite guerre.
Ernst von Wolzogen: Die Feuertaufe.

Die Fortsetzung der Bilderbogentradition des 19. Jahrhunderts durch die Kriegsbilderbogen

Die »Bilderbogen« genannten Einblattdrucke, die mit unterschiedlichsten Motiven und Inhalten produziert wurden, waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein populärer Bild- und Lesestoff. Heiligen- und Regentenbilder sowie Veduten dienten in ärmeren Familien als preiswerter Wandschmuck, es gab Märchen- und Kostümbogen, humoristische Darstellungen und Spiel- und Bastelvorlagen für Kinder.
Wer sich die teuren Zinnsoldaten nicht leisten konnte, dem ermöglichten die Bilderbogen die Anschaffung ganzer Armeen von Papiersoldaten verschiedener Nationalitäten. Aber auch Pickelhauben, Helme und Schwerter konnten nach entsprechenden Vorlagen für das Kriegsspiel gefertigt werden. 

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Besonders verbreitet waren die Aktualitätenbogen in der Tradition opulenter Schlachtenmalerei. Zwar lieferten die Illustrationen naturgemäß kein historisch korrektes Abbild der Realität auf den fernen Schlachtfeldern, angereichert mit den wichtigsten Informationen ähnlich einem Kriegsbulletin erfüllten sie jedoch die Funktion der späteren bebilderten Tagespresse.

Während des Ersten Weltkriegs erlebte der Bilderbogen einen letzten Höhepunkt, bevor er endgültig durch andere Druckerzeugnisse vom Markt verdrängt wurde. Den Kriegsbilderbogen kam dabei sowohl die Funktion einer bebilderten Kriegsdepesche für die Daheimgebliebenen als auch die eines Propagandainstruments zu, mit dem sich die Kriegsbegeisterung bei der Zivilbevölkerung und an der Front schüren ließ.
Doch als nach den ersten beiden Kriegsjahren noch immer kein erfolgreiches Ende des Weltkriegs in Sicht war, erlahmte der verlegerische Elan. Lediglich in der zweiten Hälfte des Jahres 1917 erschienen im Auftrag des Kriegspresseamtes noch einmal mindestens 13 »Lustige Kriegsbilderbogen«, die von namhaften zeitgenössischen Karikaturisten gestaltet worden waren, darunter Ludwig Kainer, Fritz Wolff oder Walter Trier.
Während im 19. Jahrhundert Bilderbogen für Kinder die Produktion dominierten, waren die Kriegsbilderbogen vorwiegend für erwachsene Rezipienten bestimmt.