Musik

Aktuelles


Bibliothek am 3. Oktober geschlossen | Library closed on 3 October

Am 3.10.2022 (Tag der Deutschen Einheit) bleiben beide Häuser der Staatsbibliothek geschlossen. Wir wünschen Ihnen einen schönen Feiertag.


On 3 October 2022 (German Unity Day) both sites of the Staatsbibliothek will be closed. Have a nice bank holiday.


Der Elefant in der Orgelstimme

Die eigenhändigen Quellen großer Meisterwerke der Musikgeschichte üben seit jeher einen besonderen Reiz auf Musiker*innen und Musikliebhaber*innen aus, verraten sie doch häufig Details der Arbeitsweise ihrer Komponisten und der Entstehungsgeschichte der betreffenden Kompositionen. Aber auch ganz gewöhnliche „Gebrauchsmusikalien“, die nicht von der Aura eines unsterblichen Meisters umweht sind, gewähren bisweilen interessante Einblicke in das Musikeben ihrer Zeit.

Die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin konnte vor kurzem auf dem Antiquariatsmarkt einen handschriftlichen Stimmensatz mit 48 Marien-Antiphonen – je zwölf Vertonungen des „Alma redemptoris“, des „Ave regina“, des „Regina coeli“ und des „Salve regina“ – für Solostimmen, Chor, zwei Violinen und Basso continuo erwerben, als deren Autor ein gewisser „W. A. P. N. Sojowsky“ firmiert. Leider ist die Stimme der ersten Violine nicht erhalten; gleichwohl ist zu erkennen, dass es sich um knappe, in der Ausführung nicht allzu schwierige Vertonungen der liturgischen Texte handelt, die ausweislich des Titelblattes für den gottesdienstlichen Gebrauch der Kathedrale St. Stephan im böhmischen Leitmeritz (heute Litoměřice) bestimmt waren.

Über den Komponisten der Werke war bislang so gut wie nichts bekannt – nachweisbar ist lediglich ein Eintrag im „Allgemeinen historischen Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theil auch Mähren und Schlesien“ aus dem Jahr 1815, demzufolge ein Wenzel Sojowski um 1756 als Komponist und Organist an der Leitmeritzer Kathedrale tätig war. Die neu erworbenen Stimmen erweitern diese Informationen nun insofern, als in einem der Stimmbücher von einem späteren Nutzer vermerkt wurde, der Komponist sei am 15. Juni 1776 in Karlsbad verstorben („obiit in thermis Carolinis 15 Junii 1776“).

Angefertigt wurde der Stimmensatz von einem professionellen Notenkopisten, der an einigen Stellen in seinen Schluss-Schnörkel die Jahreszahl 1769 vermerkte. Auffällig ist, dass die handschriftlichen Stimmen nachträglich mit einem eigens gefertigten gedruckten Titelblatt versehen wurden. Vor allem in der Sopran- und der Altstimme – also jenen Stimmen, die seinerzeit in Kirchen- und Schulchören von Chorknaben ausgeführt wurden – finden sich schließlich zahlreiche Eintragungen, die belegen, dass die Stimmen offenbar bis in die 1840er Jahre regelmäßig im Gebrauch waren.

Zum einen dokumentieren Namenseintragungen und Jahreszahlen, wer wann die betreffende Stimme sang; zum anderen verweisen diverse weitere Notizen, Schreibversuche in griechischer Schrift und sogar ein paar Zeichnungen oder Karikaturen darauf, dass den jungen Choristen bei den Proben oder während der Gottesdienste bisweilen sehr langweilig gewesen sein muss. Ähnliches muss auch für einen Organisten gegolten haben, der auf dem Vorsatzblatt seiner Stimme eine männliche Person – vielleicht den Chorleiter – porträtierte und darüber gleich noch einen (nicht ganz gelungenen) Elefantenkopf mit Rüssel und großen Ohren skizzierte.

Das Werk des Wenzel Sojowski trägt im Übrigen den schönen, wenn auch (aus heutiger Sicht) grammatikalisch etwas ungewöhnlichen Titel „Immerwährendes Marianisches Lobgesang“ – und immerwährend scheint, so zeigen diese mittlerweile über 200 Jahre alten Stimmen, auch die Lust von Schülern, Studenten und Choristen zu sein, die ihnen anvertrauten Hefte mit allerlei Kritzeleien zu „verzieren“, sofern ihnen die Zeit zu lange wird.

Siehe auch Blogeintrag.


Kompositionen, Korrespondenzen, Konditionen – Das Portal zum Historischen Archiv des Musikverlags B. Schott’s Söhne ist online!

Archive großer Musikverlage gleichen Schatzkammern der musikhistorischen Forschung: Die von den Komponist*innen übersandten Manuskripte sowie die Archivexemplare der jeweiligen Druckausgaben überliefern zahlreiche heute nicht mehr anderweitig greifbare Werke, Korrekturen in den Manuskripten und Druckfahnen bilden den letzten Feinschliff an den Werken ab, die Korrespondenz zwischen dem Verlag und seinen Autor*innen gibt Einblick in vielfältige Aspekte des Produktionsprozesses vom Angebot neuer Kompositionen über Fragen des Honorars, der Titelblattgestaltung und Widmung bis hin zur Rezeption der Werke in der musikalischen Öffentlichkeit, und die Druck- und Geschäftsbücher des Verlags legen die finanziellen und materiellen Rahmenbedingungen der Verlagsproduktion offen.

Es ist somit ein besonderer Glücksfall, dass sich das Archiv des 1770 begründeten Mainzer Musikverlags B. Schott’s Söhne seit Anfang des 19. Jahrhunderts in seltener Vollständigkeit erhalten hat – und dass die historischen Teile dieses Verlagsarchivs bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Jahr 2014 von einem Konsortium aus der Bayerischen Staatsbibliothek München, der Staatsbibliothek zu Berlin und sechs weiteren Institutionen erworben wurde und nunmehr der interessierten Öffentlichkeit zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann.

Die Hauptanteile des historischen Schott-Archivs gelangten dabei in die beiden Staatsbibliotheken, wobei die Aufteilung im Wesentlichen entlang einer bereits im Verlag etablierten Gliederung in verschiedene Archivbereiche erfolgte.

Im Rahmen eines gemeinsamen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes wurden in den vergangenen Jahren bereits große Teile der in die beiden Staatsbibliotheken gelangten Teile des Archivs erschlossen und – soweit unter rechtlichen Rahmenbedingungen möglich – digitalisiert.

Zentraler Baustein des Projektes ist das Portal Schottarchiv digital, das die Staatsbibliothek zu Berlin entwickelt und vor wenigen Wochen freigeschaltet hat. Mit einer einzigen Suche kann hier der gesamte bislang erschlossene Archivbestand durchsucht und die Digitalisate direkt im Portal eingesehen werden. Die physisch getrennten Teilbestände des Archivs sind somit virtuell wieder zusammengeführt, die vielfältigen Querbeziehungen innerhalb des Archivs treten sichtbar zutage, indem beispielsweise die im Verlag in verschiedenen Teilarchiven abgelegte Korrespondenz über ein Werk zusammen mit den entsprechenden Manuskripten und Druckausgaben gefunden und untersucht werden kann.

Um dies zu ermöglichen, werden die Erschließungsdaten aus den verschiedenen Katalogsystemen anhand standardisierter Schnittstellen in einem gemeinsamen Index zusammengeführt und aufbereitet. Darauf aufbauend erlaubt das Portal differenzierte Sucheinstiege: Die einfache Suche bietet einen raschen Zugriff auf alle Dokumente, die beispielsweise mit einer Person oder einem Werk in Verbindung stehen. Über Facetten und Filter kann das Suchergebnis jederzeit modifiziert und spezifiziert werden. Über die Expertensuche hingegen lassen sich mehrere Suchen miteinander kombinieren – zum Beispiel die Suche nach Quellen eines bestimmten Werkes mit derjenigen nach Korrespondenz des betreffenden Komponisten aus der Entstehungszeit des Werkes. Die zugehörigen Digitalisate werden über IIIF-Technologie (dem sog. International Image Interoperability Framework) direkt von den Quellsystemen in den Viewer des Portals eingebunden um sie direkt im Kontext des Portals betrachten zu können.

Selbstverständlich sind alle Dokumente aus dem Schott-Archiv zusätzlich auch in den jeweiligen Katalogen und Digitalen Bibliotheken der beiden besitzenden Bibliotheken nachgewiesen und aufgenommen. Alle Datensätze des Schott-Portals enthalten daher einen Direktlink zu Katalogeintrag und Digitalisat in der besitzenden Bibliothek; die Möglichkeit einer Verlinkung auch von den Bibliothekskatalogen auf das Schott-Portal wird derzeit noch geprüft.

Ebenfalls „work in progress“ ist die Erschließung und Digitalisierung: die in die Staatsbibliothek zu Berlin gelangten Bestandssegmente, die besonders wertvolle Briefe und Manuskripte bedeutender Komponisten umfassen, werden bis Frühjahr 2022 vollständig erschlossen und digitalisiert sein. Für die wesentlich umfangreicheren Teile des Archivs, die die Bayerische Staatsbibliothek erworben hat, wurde vor kurzem ein dreijähriges Folgeprojekt bewilligt, so dass der Datenbestand des Schott-Portals auch in den kommenden Jahren kontinuierlich wachsen wird.

Siehe auch Blogeintrag.


Originale Bach-Bestände der SBB komplett im Portal Bach digital zu finden

13 Jahre lang hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Kooperationsprojekt Bach digital gefördert. Im Oktober 2021 ist die Förderung nun ausgelaufen.

Das Projekt entstand als Kooperation zwischen der Staatsbibliothek zu Berlin – PK, dem Bach-Archiv Leipzig, der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und dem Rechenzentrum der Universität Leipzig. Ziel war zunächst, den Großteil der Originalhandschriften Johann Sebastian Bachs (1685–1750) zu digitalisieren und sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es handelte sich dabei um keinen zufälligen Zusammenschluss, denn die ersten drei genannten Institutionen zusammen verwahren über 90% der erhaltenen Originalquellen des Komponisten, die Staatsbibliothek zu Berlin allein 80%. Diese Originalquellen umfassen nicht nur die erhaltenen autographen Partituren Johann Sebastian Bachs, sondern auch das originale Stimmenmaterial, das der Komponist für die Aufführung seiner Werke verwendete und welches unter seiner Aufsicht entstanden ist. Eingeschlossen sind außerdem Abschriften von Werken anderer Komponisten von der Hand J. S. Bachs, teilweise auch unter Beteiligung seiner Schüler.

Die Digitalisierung sämtlicher Originalquellen der Staatsbibliothek zu Berlin, des Bach-Archivs und der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aus den Jahren 2008 und 2009 verfolgte grundsätzlich zwei Ziele: einerseits die kostbaren Handschriften zu sichern und vor übermäßiger Nutzung zu schonen, andererseits ermöglichten diese einen nahezu uneingeschränkten Zugriff auf die Dokumente, selbst für Nicht-Spezialisten der Bachforschung. Dafür wurden ein Webportal und ein Datenbanksystem zu Werken und Quellen J. S. Bachs aufgebaut, die ihrerseits auf der Göttinger Bach-Quellendatenbank basierten und im Jahr 2010 unter www.bach-digital.de freigeschaltet wurden. Bis 2011 wurde die Datenbank um alle Werke J. S. Bachs und alle bis dahin bekannten Quellen erweitert und um 18.000 Scans der Originalquellen ergänzt. Damit war die erste Phase des Projektes abgeschlossen.

Die problematische Überlieferung der Werke J. S. Bachs führte zu Planungen einer Weiterführung des Projekts, denn nur etwa die Hälfte seiner Werke ist über Originalquellen, der Rest hingegen über Abschriften erhalten. Zahlreiche dieser Abschriften entstanden im direkten Umfeld des Komponisten und stammen von Mitgliedern seiner Familie (seiner zweiten Frau Anna Magdalena, geb. Wilcke, und seinen Söhnen), von seinen Schülern, von seinen Kollegen, oder von Schülern seiner Schüler. In den Einrichtungen der Kooperationspartner des Folgeprojektes (Staatsbibliothek zu Berlin, Bach Archiv Leipzig und Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden), das von 2013 bis 2015 durchgeführt wurde, liegen so viele frühe abschriftliche Quellen der Werke Bachs vor, dass damit in Bach digital nun Scans und Metadaten von rund 80% aller erhaltenen Werke Bachs eingespielt werden konnten.
Dabei wurden die Quellen nicht nur über das Webportal Bach digital zugänglich gemacht, sondern sie wurden auch in der internationalen Musikquellendatenbank Répertoire International des Sources Musicales (RISM, opac.rism.info) erschlossen und die Scans in die Digitalisierten Sammlungen der beteiligten Bibliotheken eingestellt. Die Einträge in den verschiedenen Datenbanken wurden gegenseitig verlinkt und es wurden 14.000 Seiten mit über 1.800 Werken oder Werkfassungen (auch anderer Komponisten) digitalisiert.

In den Jahren 2015 bis 2016 erfolgte noch eine Aufarbeitung der bis dahin noch nicht vorhandenen Daten der Originalhandschriften J. S. Bachs in RISM samt der Präsentation der Scans in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin.

Darüber hinaus wurde ein kleiner Anteil an Wasserzeichen in Originalquellen mit Hilfe einer Thermographiekamera digitalisiert und in das Wasserzeichen-Informationssystem des Landesarchivs Baden-Württemberg (www.wasserzeichen-online.de) erschlossen. Daraus sind 180 Thermographie-Aufnahmen mit über 50 verschiedenen Wasserzeichentypen entstanden. Dieser Projektteil wurde mit Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien finanziert.

2017 bis 2021 erfolgte die dritte und letzte Förderung der DFG, bei der nicht mehr J. S. Bach, sondern seine vier komponierenden Söhne Wilhelm Friedemann (1710–1784), Carl Philipp Emanuel (1714–1788), Johann Christoph Friedrich (1732–1795) und Johann Christian (1735–1782) im Fokus standen. Als Verwahrerin wichtiger Quellen Johann Christian Bachs beteiligte sich nun auch die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg in dieser neuen Projektphase. Sämtliche Werke und Quellen wurden sowohl im Webportal Bach digital wie auch in RISM und in den digitalen Bibliotheken der partizipierenden Institutionen erschlossen und präsentiert. Dabei wurden 21.000 Handschriftenseiten mit insgesamt rund 800 Werken gescannt und über 600 Wasserzeichentypen und -varianten thermographisch erfasst.

Außerdem wurden die Quellen von vier weiteren Mitgliedern der Bach-Familie, die sich in der Staatsbibliothek zu Berlin befinden, erschlossen und digitalisiert: Johann Ludwig Bach (1677–1731, nur Abschriften vorhanden), Johann Ernst Bach (1722–1777), Johann Michael Bach (1745–1820) und Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845). Damit sind die Originalquellen der Bach-Familie der Staatsbibliothek zu Berlin komplett erschlossen und digitalisiert. Darüber hinaus wurden exemplarische Seiten ausgewählt und Schriftproben von allen in der SBB nachgewiesenen Mitgliedern der Bach-Familie und von über 200 Schülern Johann Sebastian Bachs erstellt.

Siehe auch Blogeintrag.

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